Veranstaltungen

Wir zitieren aus dem Gemeindebrief der Ev.-ref. Kirchengemeinde Veldhausen (Ausgabe Oktober/ November 2017)

"Der älter werdende Mensch"

Am 16. Mai fand der erste Abend einer mehrteiligen Vortragsreihe zum Thema „Der älter werdende Mensch" im reformierten Gemeindehaus in Neuenhaus statt. Es ist ein Projekt der Ev.-ref. Kirchengemeinde Neuenhaus mit unserer Gemeinde, unter Einbindung der katholischen und lutherischen Kirchengemeinde Neuenhaus.
Im Oktober wird diese Vortragsreihe fortgesetzt mit dem nächsten Vortragsabend. Er findet statt am 17. Oktober 2017 um 19.30 Uhr im Gemeindehaus der Ev.-ref. Kirchengemeinde Veldhausen, Lingener Str. 2, Veldhausen.
Dr. Thole wird als Mediziner sprechen zum Thema „Palliativmedizin" und Thomas Fender, Pastor für Diakonie und Ökumene, wird als Theologe sprechen zum Thema „Sterbehilfe". Beide Themen gehören eng zusammen.
Wir freuen uns auf einen interessanten Abend, an dem es natürlich auch Zeit für Gespräche und Diskussion gibt.

Die Vortragsreihe soll im Jahr 2018 fortgesetzt werden. Und dies auch mit Blick auf das Projekt „Dorfgemeinschaft 2.0". Hier engagiert sich ganz besonders die Samtgemeinde Neuenhaus in unserem Bereich. Bei diesem Projekt geht es im Zusammenhang des Themas „Der älter werdende Mensch" um die generationsübergreifende Vernetzung von traditionellen Werten und modernen digitalen Möglichkeiten, die mit dazu beitragen kann, den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf dem Land zu stärken und den Wohlstand zu sichern. Natürlich kommt in dem ganzen Themenkomplex auch der Kirche eine zentrale Rolle zu mit ihrer sozialen Infrastruktur in Kindertagesstätten, in Diensten der Begleitung, in Seelsorge und als Vermittlerin von Glaubenswerten, die natürlich auch den gesellschaftlichen Umgang der verschiedenen Generationen miteinander betreffen."

Die Veranstaltung im Frühjahr 2017

Aus zwei Gründen war der 16. Mai d. J. für unsere Gemeinde ein ziemlich besonderer Tag: Zum einen fand an diesem Abend zum ersten Mal eine Veranstaltung statt, die zusammen mit der Nachbargemeinde Veldhausen organisiert und durchgeführt wurde und zum anderen war es die Veranstaltung selbst, bzw. der Vortrag, den der Diözesan-Caritasdirektor Franz Loth der Diözese Osnabrück hielt. Die Rede des Herrn Loth hätte durchaus mehr Zuhörer als die erschienenen 40 Personen verdient. Deshalb haben wir uns entschlossen, mit Zustimmung des Referenten, sie hier zur Verfügung zu stellen.

Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass eine Fortsetzung dieser überaus sinnvollen gemeindeübergreifenden Veranstaltungen geplant ist. So lädt die reformierte Gemeinde Veldhausen zu einer gemeinsamen Abendveranstaltung im Herbst in ihr Gemeindehaus ein. Termin und Veranstaltungsthema werden noch rechtzeitig bekanntgegeben.
(bv)

Hier aber nun der Vortrag von Caritasdirektor Franz Loth:

Der älter werdende Mensch - Vortrag am 16.05.2017 in Neuenhaus in Stichworten

0. Vorbemerkungen / Einführung in den Vortrag

Einige Vorbemerkungen zum Thema:

  •  Der Blick auf den älter werdenden Menschen sollte hoch differenziert sein. Das Alter ist eine eigene Lebensphase mit einer besonderen Qualität. Wenn wir den Blick auf die 65 bis 85-jährigen werfen, dann brauchen 80 % dieser Altersgruppe keine Hilfe. 10 % sind hilfsbedürftig und 10 % sind pflegebedürftig. Es ist also ein Mehr an Lebenszeit und
    Lebensqualität dazu gewonnen worden.
  •  Ein weiterer Aspekt: Das Bild vom Alter ist oft zu negativ besetzt. Wir sollten mehr von Altenkapital denn von Altenlast reden. Ältere sind wichtig, sie haben viel zu sagen und sind Experten für das Leben.
  •  Ein Drittes: Im Alter gelangen Menschen an die Schnittstellen des Lebens. Sie spüren stärker ihre Endlichkeit, Fragen nach Wert und Sinn des Lebens, werden deutlicher gestellt. Hier ist es Kernauftrag der großen Kirchen an diesen besonders wichtigen Schnittstellen des Lebens für die Menschen da zu sein.

Ich möchte meinen Vortrag jetzt in sieben Punkte gliedern, die ich jeweils mit geflügelten Worten einführe:

1. „Wir wollen alle alt werden. Keiner möchte es sein.“

Einige kurze Daten und Fakten zur Lebenserwartung: In den letzten drei Jahrzehnten wurden etwa fünf gesunde Jahre dazu gewonnen. Wir leben länger, aber nicht ewig. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei Männern heute bei 78,2 Jahren, bei Frauen bei 83,1 Jahren. Die steigende Lebenserwartung geht eindeutig mit einem Gewinn an aktiven Lebensjahren einher. Es gilt die Formel „körperlich und geistig aktiv bleiben hält länger fit“.

2. „Alt werden, ist wie auf einen Berg steigen. Je höher man kommt, umso mehr Kräfte sind verbraucht, aber umso weiter sieht man.“

Was belastet im Alter? Neben Einsamkeit und Isolation die große Sorge hilflos zu sein und pflegebedürftig zu werden. In der Altersgruppe der über 80-jährigen sind im Schnitt 10 % der Menschen demenziell verändert, in der der über 90-jährigen 30 %. Das Alter liefert aber auch große Vorteile und Gewinne. Ältere Menschen werden klug durch Erfahrung. Sie schauen hinter die Dinge, sind gelassen weil sie viele Hürden genommen haben, haben Zeit für Engagement und entwickeln eine neue Sichtweise durch Einsicht. Sie können für viele jüngere Menschen also auch ein Vorbild sein.

3. „Die Jüngeren mögen vielleicht schneller sein, dafür kennen die Älteren die Umwege.“

Das Verhältnis der Generationen untereinander ist heute deutlich entspannter und konfliktbefreiter als in früheren Zeiten. Die Formel ist häufig menschliche Nähe durch räumliche Distanz. Wichtig ist für die ältere Generation in verschiedensten Rollen, auch der Großeltern, gebraucht zu sein. Wichtig ist weiterhin ein richtiger Zeitpunkt für die Staffelübergabe. Wir profitieren aber in unserem Land auch von der Stärke des Generationenvertrages seit vielen Jahrzehnten.

4. „Statt die Weisheit des Alters dafür zu nutzen unsere Probleme zu lösen, haben wir das Alter unberechtigterweise zum Problem gemacht.“

Die soziale Lage älterer Menschen ist insgesamt gut, mit einigen wenigen Ausnahmen hat es nie eine Generation älterer Menschen gegeben, die so gut dastehen wie heute. Altersarmut ist zurzeit eher ein Thema für Minderheiten. 85 % der 65 bis 85-jährigen sind mit ihrem Leben so einverstanden. Ein Viertel der 65 bis 69-jährigen sind noch regelmäßig tätig, im Durchschnitt ca. 14 Stunden pro Woche. Fast alle älteren Menschen können sich in schwierigen Situationen an jemanden wenden (Kinder, Partner, Freunde, Umfeld). 2/3 haben einen festen Freundeskreis. Mehr als die Hälfte ist mit einem eigenen Auto unterwegs. Und das Reisen auch in internationale Gebiete ist für ältere Menschen ein großes Thema. Wichtig ist vielleicht für die Zukunft, gesellschaftspolitisch darüber nachzudenken, ob es nicht flexiblere Übergänge in die Rente geben kann.

5. „Das Streben nach Jugend hat uns blind gemacht für die Möglichkeiten des Alterns.“

Was sind die Potenziale älterer Menschen?

  • Geduld und Gelassenheit gegen alle Hektik.
  • Enormes Fakten-, Handlungs- und Erfahrungswissen.
  • Ältere Menschen können Beiträge leisten zur Zusammengehörigkeit und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist in einer Zeit, in der immer mehr gesellschaftliche Spaltung droht, sehr wichtig.
  • Gegen den Jugendwahn Akzeptanz des Alters als Teil der menschlichen Entwicklung.
  • Weitergabe von Ritualen und Traditionen.
  • Ältere haben einen hohen politischen Einfluss. Allein durch die Größe der Altersgruppe.
  • Beiseitetreten um den Staffelstab der Generationen weiterzuentwickeln.
  • Fürsorglich sein, ohne aufdringlich zu wirken.
  • Einfach kleinere Beiträge verantwortlich zu leisten, da ja nicht mehr die ganz großen Dinge bewirkt werden müssen.
  • Staunen, sich wundern, mit spielerischer Leichtigkeit Dinge angehen, dankbar sein. Das sind oft Akzente, die in der Turbohöchstleistungsgesellschaft verloren gegangen sind.

6. „Alternde Menschen sind wie Museen. Nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Inneren.“

Leitbilder gelingenden Alters:

  • Gewinne und Verluste ausbalancieren.
  • Für Solidarität, Respekt und Wertschätzung zwischen den Generationen sorgen.
  • Reife entwickeln als Gegenpol zum allgegenwärtigen Jugendwahn.
  • Dem Motto folgen „Geben ist seliger denn Nehmen“.
  • Eine gute Balance herstellen zwischen Entspannung und Anspannung.
  • Ein Leben lang lernen.
  • Zeit für ehrenamtlichen Einsatz. 40 % der 65 bis 85-jährigen übernehmen in dieser Weise Verantwortung.
  • Enge Beziehungsgeflechte knüpfen.
  • Auseinandersetzung mit der Endlichkeit. Auch im Kontext spiritueller Fragestellungen.
  • Einen Gegenpol setzten gegen die Abwertung und die Diskriminierung des Alters.

7. „Selig der Mensch der den Nächsten in seinen Gebrechen und in seiner Schwachheit erträgt.“

Gesundheit, Altenpflege als Megazukunftsthema. Etwa 2,7 Millionen Menschen sind aktuell auf Pflege angewiesen. 70 % davon werden Zuhause versorgt. Frauen sind der größte Pflegedienst in Deutschland. Zurzeit sind 1,2 Mio. Menschen demenzerkrankt, im Jahre 2013 werden diese 2 Mio. sein, im Jahre 2050 2,6 Mio. Aktuell fehlen etwa 50.000 Pflegekräfte. In 15 Jahren werden dies etwa 110.000 sein.

Zehn Kernaussagen zur Wertigkeit und zur Bedeutung der Pflege in unserer Gesellschaft:

  1. Qualifizierte Pflege sollte als ein Menschenrecht wahrgenommen werden
  2. Qualifizierte Pflege setzt angemessene Bildung aller Mitarbeitenden aller Ebenen
    voraus.
  3. Qualifizierte Pflege erfordert eine angemessene Infrastruktur, mit einer entsprechenden Ressourcenausstattung.
  4. Qualifizierte Pflege erfordert ein Klima der Wertschätzung und des Vertrauens, da es sich um personennahe Dienste handelt.
  5. Qualifizierte Pflege erfordert eine angemessene, gerechte Entlohnung.
  6. Qualifizierte Pflege erfordert ein motiviertes und zufriedenes Pflegepersonal
  7. Qualifizierte Pflege ist ohne die drei Z-Worte nicht denkbar (Zeit haben, Zuwenden, Zuhören können)
  8. Qualifizierte Pflege ist menschliche Begegnung, die nicht aufgefressen werden darf von der allgegenwärtigen Zähl- und Nachweisbürokratie. Es geht eben nicht in erster Linie um Marktrendite, -effektivität sondern um die Menschen hinter den Zahlen.
  9. Qualifizierte Pflege verfügt über gutgestaltete und wirksame Konzepte der Palliativversorgung und der entsprechenden Betreuung durch ehrenamtliche und hauptamtliche Personen.
  10. In Zukunft wird sich qualifizierte Pflege im Wesentlichen an drei Fragestellungen entscheiden:
    • Wie viel Zeit haben die Pflegekräfte für die eigentliche Betreuung und Begleitung der Bewohnerinnen und Bewohner?
    • Welche Ressourcen werden für die Pflege zur Verfügung gestellt?
    • Wie wird die so wichtige und notwendige Pflegearbeit gesellschaftlich anerkannt?

Schließen möchte ich mit einer kleinen Begebenheit:

Ein kleiner Junge, der auf Besuch bei seinem Großvater war, fand eine kleine Landschildkröte und ging gleich daran sie zu untersuchen. Im gleichen Moment zog die Schildkörte sich in ihren Panzer zurück. Der Junge versucht vergebens sie mit einem Stöckchen herauszuholen. Der Großvater hatte ihm zugesehen und hinderte ihn daran, das Tier weiter zu quälen. „Das ist falsch“, sagt er, „komm ich zeige dir, wie man das macht.“ Er nahm die Schildkröte mit ins Haus und setzte sie auf den warmen Kachelofen. In wenigen Minuten wurde das Tier warm, streckte seinen Kopf und seine Füße heraus und kroch auf den Jungen zu. „Menschen sind manchmal wie Schildkröten“, sagt der alte Mann, „versuche niemals jemanden zu zwingen, wärme ihn nur mit etwas Güte auf und er wird seinen Panzer verlassen können.“

Genau darum geht es in der Pflege. Es geht darum Güte und Wärme zu schenken, damit sie Mensch sein können. Pflege ist immer ein Geschehen unter Menschen. Mehr Menschlichkeit geht nur mit vielen Menschen, die ihren Beruf aber auch die Menschen mögen, die ihnen anvertraut sind.

Gez. Franz Loth
Osnabrück, 19.05.2017