Andacht für Zuhause – 20.09.2020

1. Mose 18, 16-33 – eine Predigt aus 2006

Abrahams Fürbitte für Sodom
16 Da brachen die Männer auf und wandten sich nach Sodom, und Abraham ging mit ihnen, um sie zu geleiten. 17 Da sprach der HERR: Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun will, 18 da er doch ein großes und mächtiges Volk werden soll und alle Völker auf Erden in ihm gesegnet werden sollen? 19 Denn dazu habe ich ihn auserkoren, dass er seinen Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, dass sie des HERRN Wege halten und tun, was recht und gut ist, auf dass der HERR auf Abraham kommen lasse, was er ihm verheißen hat. 20 Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, denn ihre Sünden sind sehr schwer. 21 Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob's nicht so sei, damit ich's wisse. 22 Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen nach Sodom. Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN 23 und trat herzu und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? 24 Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? 25 Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, sodass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten? 26 Der HERR sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben. 27 Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. 28 Es könnten vielleicht fünf weniger als fünfzig Gerechte darin sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben. 29 Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man könnte vielleicht vierzig darin finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. 30 Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte vielleicht dreißig darin finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun. 31 Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. 32 Und er sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte vielleicht zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen
Abraham handelt mit Gott und Gott lässt mit sich reden..
Abraham geht zunächst recht forsch vor, jedenfalls was seine Argumentation und den dabei angeschlagenen Ton angeht: „ Willst Du denn den Gerechten mit dem Frevler umbringen? Es könnten vielleicht 50 Gerechte in der Stadt sein; willst Du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um 50 Gerechter willen, die darin wären? Das sei ferne von Dir, dass Du das tust und tötest den Gerechten mit dem Frevler, sodass der Gerechte wäre gleich wie der Frevler! Das sei ferne von Dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?" Abraham behaftet Gott beim Recht. Das geht doch nicht an, dass er Ungleiche, den Gerechten und den Frevler, den bösen Gewalttäter, gleich behandelt. Gott kann doch wohl nicht mit den Frevlern Gerechte töten wollen! Mit der Zahl 50 ist Abraham, so scheint es, recht entgegenkommend zu entgegenkommend, wie er gleich anschließend befürchtet; und so fängt er an, Gott herunter zu handeln. Dabei wird er nun ganz vorsichtig und im Ton sehr zurückhaltend: „Ach siehe, ich habe mich unterwunden ich habe mich unterstanden , zu reden mit dem Herrn, obwohl ich Staub und Asche bin." Und auch mit dem Herunterhandeln ist er zunächst bescheiden: „Es könnten vielleicht fünf weniger als 50 Gerechte darin sein; willst Du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen?" Wenn nur fünf fehlen das kann's doch wohl nicht ausmachen! Dann wird er wieder mutiger und geht ohne große Einleitung noch einmal um fünf herunter: „Man könnte vielleicht 40 darin finden." Und wieder setzt er an: „Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede." Gott möge nicht in Rage kommen. es möge nicht in ihm kochen und dann wagt er gleich zehn weniger: „Man könnte vielleicht 30 darin finden." Und noch einmal zehn weniger und noch einmal zehn weniger, bis es zuletzt nur noch zehn sind.
Bei diesem Herunterhandeln kommt es zu einer eigenartigen Verschiebung. Zuerst stellt Abraham das Recht heraus; die Gerechten dürfen nicht mit den Frevlern untergehen. Dann aber geht es darum, dass die Frevler nicht umkommen, wo es Gerechte gibt. Abraham appelliert also nicht mehr wie am Anfang an das Recht, sondern im Grunde an Gottes Barmherzigkeit, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagt. Und Gott spielt mit; er gibt alles zu, was Abraham von ihm fordert jedes Mal: sofort und ohne Umschweife. Gott sagt auch nicht: .,Nun mach aber mal langsam einen Punkt!" oder: „Jetzt reicht's!" Abraham ist es, der bei zehn selbst Schluss macht.

Gott macht nicht an einem bestimmten Punkt Schluss, wenn es darum geht sich den Menschen barmherzig zuzuwenden.
Man könnte auch sagen in punkto Barmherzigkeit lässt Gott einfach nicht mich sich handeln. Wenn Gnade vor Recht gefordert ist, entscheidet er immer und ohne Umschweife für die Gnade. Er fordert kein Mindestmaß.
Und hierin liegt das Evangelium dieses Textes für uns. Gott liebt uns Menschen über alle Maßen. Er begegnet uns immer und überall mit Barmherzigkeit, schaut uns immer und überall mit gnädigen Augen an.
Liebe Gemeinde, wenn wir diesen Text heute morgen hören, dann können wir diesen Text ja wohl nur so verstehen, dass uns gesagt wird, wie Gott eigentlich zu uns steht; und zwar zu jedem einzelnen, jeweils persönlich.
Es geht hier ja nicht darum, wie Gott etwa zur politischen Gemeinde Neuenhaus stehen mag, ob man hier vielleicht 50, 45, 40, 30, 20 oder auch nur 10 Gerechte finden könnte. Und auch nicht um die Frage, wie das etwa in der Kirchengemeinde aussehen mag, ob hier unter den 1650 Gemeindegliedern 50, 45, 40, 30, 20 oder auch nur 10 Gerechte zu finden sein. Es mag interessant sein darüber einmal nachzudenken und noch interessanter wäre es wohl, zu sehen, zu welchen Ergebnissen die einzelnen von uns da kämen.
Aber darum geht es nicht. Es geht um uns und zwar jeweils persönlich. Es geht um dich und mich. Es geht darum, wie Gott zu jedem einzelnen von uns steht.
Können wir eigentlich vor ihm bestehen?
Ich erinnere mich noch gut an den Gottesdienst, als meine beiden Mädchen getauft wurden, als der Pastor davon sprach, wie Vatersein im Sinne Gottes aussehen mag.
Vater sein heißt sichtbar sein. Vater sein heißt anwesend sein. Vater sein heißt erwachsen sein. Vater sein heißt zuverlässig sein. Es heißt: klar sein. Klar sein in der Liebe, die ich gebe und ohne die mein Kind nicht zu einem liebesfähigen Menschen heranwachsen kann. Und klar sein in den Grenzen, die ich setze, ohne die mein Kind nichts hat, woran es sich abarbeiten und aufrichten kann. Vater sein heißt barmherzig sein, zugewandt sein. Vater sein heißt erleben, dass da jemand mit einem Vertrauen ohne Grenzen zu mir aufblickt – jedenfalls eine Zeitlang. Vater sein heißt erleben: Ich kann einem kleinen Jungen oder einem kleinen Mädchen dabei helfen, einmal ein aufrecht gehender junger Mann oder eine aufrecht gehende junge Frau zu werden.
Und ich kann nur sagen, ich stimme all diesen Sätzen über das Vatersein zu 100% zu. Doch ich hab auf der andern Seite als einer dieser Väter dort gesessen und gedacht: „O Gott, was davon erfüllst du eigentlich?!"
Und jetzt im Zusammenhang mit diesem Text: 50 %, wohl nicht, 45 % dann oder 40 oder 30 oder 20 oder zumindest 10 %, oder vielleicht noch weniger?
Bin ich bei meiner prozentualen Leistung auf diesem Gebiet oder auch in anderen Lebensbereichen in Gottes Augen eigentlich liebenswert.
Und der Text spricht uns zu, dass Gott jedem einzelnen von uns sagt: „Ja, du bist in meinen Augen liebenswert. Und solltest du meine Gebote und Richtlinien für ein gelungenes Leben auch nur zu 50, 40 30, 20, 10 % oder auch noch weniger erfüllen, dass tut meiner Liebe zu dir keinen Abbruch." Gott sei Dank. Und Gott sei Dank spiegelt sich diese Erfahrung der unverdienten Liebe Gottes zu uns auch immer wieder in unserem Leben; z.B. in der Eltern-Kind-Beziehung. Es gibt ein wunderschönes kleines Kinderbuch mit dem Titel: „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?" Da hoppeln Vaterhase und sein Sohn durch die Welt und erzählen sich gegenseitig, wie lieb sie sich haben. Und es endet mit der Szene, dass Vater und Sohn sich den Mond anschauen und der Sohn sagt zum Vater: „Ich hab dich lieb. Bis zum Mond und wieder zurück." Dieses Büchlein habe ich unserm ersten Sohn vorgelesen, als er 3 oder 4 Jahre alt war. Und danach erlebte ich es immer mal wieder, dass er mir immer mal wieder sagte: „Ich hab dich lieb. Bis zum Mond und wieder zurück."
Das hatte ich mir nicht verdient, sondern diese Liebe bekam ich einfach so.
Und auch Gott liebt uns einfach so. Unendlich.
Das ist der Zuspruch für uns heute und darin liegt, meine ich auch gleichzeitig der Anspruch an uns begründet.
Mit Gottes Liebe im Rücken können wir uns nun dementsprechend verhalten, können wir seine Liebe zu uns in diese Welt hinausstrahlen lassen.

Noch einmal zurück zum Text. Abraham hört bei 10 auf zu handeln und Gott sagt JA.
Wieso eigentlich sollte Gott um zehn Gerechter willen Sodom verschonen? In der ersten Antwort formuliert Gott: „ Wenn ich in Sodom 50 Gerechte finde inmitten der Stadt". Die alten jüdischen Ausleger fragen, was denn der Sinn dieser Doppelung sei, wenn es zuerst heißt: „ in Sodom " und dann noch einmal: „ inmitten der Stadt". Sie antworten, „inmitten der Stadt" meine: in der Öffentlichkeit. Die Gerechten sitzen nicht hinter dem Ofen oder halten sich verborgen im stillen Kämmerlein, sondern wirken öffentlich wie Jesus seinen Jüngern gebot, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, sondern es vor den Leuten leuchten zu lassen, „damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen". Wenn Gott um der öffentlich wirkenden Gerechten willen, Sodom und Gomorra nicht verderben will, dann hat er offenbar die Hoffnung, dass das Beispiel der Gerechten ansteckend wirkt, dass es andere dazu bewegt und ermutigt, von ihrem bösen Weg umzukehren.
In jeden einzelnen von uns setzt Gott die Hoffnung, dass wir ansteckend wirken können, dass wir das Licht seiner Liebe unter uns zum Leuchten bringen. Und ich denke, dass kann auch gelingen. Wir brauchen uns im Grunde bloß immer wieder neu klar zu machen, wie unendlich weit Gottes Liebe zu uns ist. Nicht nur bis zum Mond und wieder zurück, sondern viel, viel weiter. Wenn wir das wissen und auch spüren, können wir eigentlich gar nicht anders, als unseren Mitmenschen liebevoll zu begegnen.
Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsere Welt.
Amen

Andacht für Zuhause – 13.09.2020

Gottes Zuwendung gibt dem Menschen seine Menschenwürde

Lukas 19, 1-10
1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Liebe Gemeinde!
Gott ist auf der Suche. Auf der Suche nach Menschen, um selig zu machen, was verloren ist. Gott ist auf der Suche nach uns, um uns aus unserer Verlorenheit herauszuführen.
Zachäus ist auch auf der Suche. In der Übersetzung nach Luther steht zwar, er begehrte Jesus zu sehen, doch wörtlich übersetzt heißt es eigentlich: er suchte ihn zu sehen. Zachäus ist auf der Suche. Im gesamten Lukasevangelium taucht dieses Verb „suchen" 26-mal auf und kann die Suche nach Wahrheit, nach Gesundheit, nach einem Sinn im Leben oder nach Heil bedeuten.
Das kann ja wohl nicht wahr sein, denkt ein Mensch über sein Leben, er krankt an seiner Lebenssituation und sucht nach Sinn.
Im Grunde ist jeder Mensch, immer auch auf der Suche. In dieser Geschichte wird er Zachäus genannt. Er könnte auch Heinrich genannt werden oder Johannes oder vielleicht Hannelore oder Josefine. Der Name spielt keine große Rolle. Eher schon das Alter oder andere Lebensumstände.
So suchen z. B. viele Jugendliche: Anerkennung, Liebe, Spaß, Vertrauen; alte Menschen eher: Zuwendung, Respekt, Gemeinschaft; Arbeitslose: Arbeitsplätze, Perspektiven, Sinn, Hilfe.

Hier ist es ein Zöllner, der auf der Suche ist. Doch die Suche gestaltet sich für ihn äußerst schwierig. Da sind noch andere, die Jesus sehen wollen, und er ist klein von Gestalt.
Und damit wird uns erzählt, dass es auch immer Faktoren gibt, die der menschlichen Suche und der Begegnung mit Gott hinderlich sein können. Hier sind es die anderen Menschen und die eigene Kleinheit.
Als wir im Gottesdienst noch miteinander singen durften, ist mir das immer mal aufgefallen bei Gottesdiensten zur Trauung oder zur Beerdigung.
Manche Gruppen singen einfach nicht und das ist dann auch oft Gruppenzwang. Immer mal wieder hab ich beobachtet, wie in einer Gruppe, z.B. einer Familie (Vater, Mutter , Sohn und Tochter) beim ersten Lied, zunächst einer anfing zu singen, ungefähr bis zur Hälfte der ersten Strophe gekommen ist, dann gemerkt hat, dass der Rest der Familie den Mund fest verschlossen hatte und das dann auch gemacht hat. Die anderen und die eigene fehlende Größe können uns an manchem hindern. Auch an der Begegnung mit Gott. Und doch kommt es zur Begegnung. "Zachäus, steig herunter; denn ich muss heute in deinem Hause einkehren."

Wie gesagt, es ist hier wirklich jeder Mensch gemeint, ganz egal wie sein Name lautet. Aber in dieser Geschichte hat der Name schon eine besondere Bedeutung. Zachäus bedeutet: "Gott gedenkt."
Und diese Bedeutung ist Programm. Ist ein Versprechen von Gott für jeden Menschen: Gott denkt an Dich. Auch wenn du meinst, Gott schweige zu den Katastrophen, die über dich gekommen sind. Er sieht dich. Er kennt deine ureigene Not. Und er vergisst dich nicht. Für Gott bist du von großer Bedeutung! Du bist nicht Luft für ihn. Denk nicht: keiner beachtet mich, keiner würdigt mich.
Gott denkt an dich - das ist wichtiger als alles Ansehen, das du dir bei Menschen erarbeiten kannst. Gott denkt an dich - unabhängig davon, ob du bei den Leuten beliebt bist oder nicht. Unabhängig davon, wie gut oder schlecht du dich bisher verhalten hast. Unabhängig davon, wie gelungen oder misslungen dein Leben bis jetzt verlaufen ist. Du hast eine unverletzliche Würde. Von Gott verliehen. bekommen. Wo Gott uns ansieht, da werden wir wahrhaftig "Mensch".
Man kann eine Menge im Leben verlieren: seine Gesundheit, seinen guten Ruf, die gute Laune. Die von Gott verliehene Menschenwürde bleibt. Du bist ein Sohn, eine Tochter Abrahams. Du gehörst hinein in den Lebensbund Gottes mit seinen Kindern.

AMEN

Kurzandacht zum 6. September 2020 für zu Hause

Loslassen und Segen empfangen

1, Mose 12, 1+2
1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Für den Segen Gottes in unserem Leben ist es offenbar notwendig loszulassen. Hier in der Geschichte von Abraham sieht es so aus: „Geh aus deinem Vaterland!" Was so viel bedeutet wie: Verlass deine Heimat, deinen Wohnort, deine gewohnte Umgebung. Geh von deiner Verwandtschaft — verlass die Menschen aus deiner Ursprungsfamilie, die mit dir verwandt und dadurch verbunden sind.
Im Grunde ist es gar nicht so schwer zu verstehen. Für den Segen in unserem Leben braucht es auch das Loslassen.
Loslassen gehört ja ohnehin zu jedem menschlichen Leben dazu.
Wir müssen möglicherweise die Umgebung unserer Kindheit und Jugend loslassen. Wir müssen manchmal eine uns liebgewordene Arbeitsstelle loslassen. Wir müssen unser Haus oder unsere Wohnung loslassen. Wir verlieren durch den Tod Menschen, die uns lieb und wertvoll waren und müssen sie loslassen. Und irgendwann müssen wir alle unser eigenes Leben loslassen.
Diese Geschichte von Abraham redet auch zu uns und fragt: Kannst Du loslassen? Kleines und Großes? Oder hältst Du krampfhaft fest, was Du nicht wirklich halten kannst? Hältst Du vielleicht sogar an Dingen fest, die Dein Leben hindern?
Was müssen wir dringend loslassen für ein Leben, das gesegnet ist? Besitz? Beziehungen? Gewohntes? Schönes oder auch Schwieriges?
Das Loslassen in der Geschichte von Abraham hat seinen tiefen Sinn. Nur wenn wir Loslassen, können wir auch empfangen. Nur wenn wir losgehen, können wir auch ankommen. Nur wenn wir ausräumen, können wir uns neu einrichten. Und das ist auch mit Gott und seinem Segen so.

Gott jedenfalls möchte uns segnen und sagt auch zu uns: Ich will dich segnen! Eine Zusage, die wir gerne hören.
Doch wie sieht das dann eigentlich aus?
Winkt uns Reichtum und Wohlstand? Sind es die Nachkommen, die wohl geraten? Oder ist es das lange Leben, das Gott uns schenkt? Oder ist es eine gute Gesundheit? Oder gute Freunde? Oder ...?
In der Geschichte von Abraham kann man lesen, dass Gottes Segen eigentlich darin besteht, dass Gott selbst mit seiner Fürsorge, mit seiner Güte, mit seiner Freundlichkeit den Menschen auf seinem Weg im Leben begleitet.
Der Segen besteht in der Zusage: Ich bin bei Dir. Ich bin mit Dir. Ich begleite Dich durch Höhen und Tiefen, durch Erfolg und Scheitern, durch Schönes und Schweres.
Darum geht es beim Segen: Gott ist mit Dir und bei Dir. Und das bedeutet eben gerade nicht, dass immer alles gut ist und es keine Probleme gibt. Im Gegenteil! Auch bei Abraham geht manches total schief. Und trotzdem erlebt Abraham es so, dass Gott bei ihm und mit ihm ist.
Gottes Segen, das ist Gottes Begleitung, Gottes Dabeisein.
So wie Dietrich Bonhoeffer es beschrieben hat: „ Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Und wenn wir diesen Segen in unserem Leben erfahren, dann geht dieser Segen weit über unser kleines Leben hinaus. Gottes Fürsorge und Freundlichkeit will durch unser Leben zu den Menschen übergehen, mit denen wir zu tun haben - zu den Eltern oder Kindern - zu den Nachbarn und Kollegen - zu den Freunden und auch zu den Menschen; die wir nicht leiden können.
Gottes Wille für uns:

„Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein."

AMEN!

Kurzandacht zum 30. August 2020 für zu Hause

Wünsche an das Leben- oder vom Sinn des Lebens

Der Konfirmandenunterricht in der reformierten Kirchengemeinde Neuenhaus begann in den letzten Jahren immer mit einer Einführungsfreizeit in der Baccumer Mühle bei Lingen. Dieses Jahr konnte diese Freizeit leider coronabedingt nicht stattfinden und das ist sehr schade, denn das war immer ein schöner Start in die gemeinsame Zeit. Man konnte sich gegenseitig in lockerer Atmosphäre kennenlernen und für die kommende Zeit die Erwartungen formulieren. So haben die Neu-Konfirmanden immer jeweils ein persönliches Plakat gestaltet, auf dem ersichtlich wurde, wer sie sind, was sie für Wünsche und Erwartungen an den Konfirmandenunterricht haben und was sie sich persönlich für ihre Zukunft wünschen.
Vielfacher Wunsch für die eigene Zukunft war, später einmal einen tollen Beruf auszuüben, der möglichst gut bezahlt werden sollte. Viele wünschten sich ein eigenes Haus und möglichst auch Familie. Manche wünschten sich viel viel Geld zu haben, sodass sie sich alles leisten können, was ihr Herz begehrt. Manche wünschten sich PS-starke Autos fahren zu können. Es waren aber auch ganz bescheidene Wünsche dabei, wie z.B. die Schule gut zu schaffen und dann eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Wünsche an das Leben von 13- bis 14-jährigen. Wünsche, die auch Erwachsene haben.
Letztlich münden alle diese Wünsche in einen Wunsch ein: dem Wunsch danach ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen.
Man könnte auch sagen es ist der Wunsch nach gelungenem, sinnvollem Leben.

In der Bibel finden sich im Johannesevangelium die sogenannten Ich-bin-Worte Jesu.
Sie beschreiben nach meinem Verständnis in starken und klaren Worten und Symbolen, dass der Wunsch nach Leben in seiner Fülle gelingen wird, wenn wir unser eigenes Leben von diesem Jesus leiten lassen.
So heißt es:
• Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
• Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
• Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und ausgehen und Weide finden.
• Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge. Ich bin der gute Hirte.
• Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.
• Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
• Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.
In der Nachfolge Jesu also, kann Leben so gelingen, dass wir von sinnvollem, glücklichen und zufriedenem Leben sprechen können. Ein Leben ohne zu hungern oder zu dürsten. Ein Leben, das hell ist. Ein Leben, wo ich glücklich bin und volle Genüge habe.
Ich übersetze das für mich so: Wer die Haltung Jesu zum Leben einnimmt, der sorgt dafür, dass die Lebensqualität steigt. Die eigene – und die meiner Mitmenschen.
Sinnvolles gibt es nicht für mich allein, sondern nur in der Beziehung zu anderen. Sinnvolles Leben zeigt sich in Momenten, in denen diese Qualität des Lebens aufblitzt. Besondere Momente des Lebens, aber eben auch ganz alltägliche. Momente, in denen ich spüre: mein Leben ist erfüllt, mein Leben hat Sinn. Weil es von meinem Schöpfer durchdrungen ist, der Gutes für mich im Sinn hat. Das ist Leben, wie ich es mir wünsche. Momente, in denen ich ganz genau fühle: „Ich bin gehalten und getragen."
Mein Schöpfer wollte mich und will für mich ein Leben in Fülle.
Der Theologe Jörg Zink hat es so formuliert:
Mein Ausgangspunkt ist, dass ich mir sage: Es steht einer zu mir. Der bejaht mich, ich kann also zu mir selbst stehen. Ich kann mich annehmen. ... Ich atme auf und lebe.
Ich bin gehalten. Mir geschieht nur, was Gott will. Ich kann also Mut fassen. Ich brauche mich nicht zu fürchten, und ich kann auch anderen Mut machen zu ihrem Leben. ... Ich kann vertrauen und meinen Weg sorglos und gelassen gehen. Ich lasse los, was mich bindet und zu Boden drücken will. Gott will mich leicht und fröhlich.... Ich habe Augen und will sie offen halten. Ich will also in meinem Kopf für Klarheit sorgen. Ich kann unterschei¬den, was wichtig und was unwichtig ist. Ich nehme die Zeichen der Zeit und meines Lebensweges wahr.
In mir ist Frieden, denn in mir ist Christus. Mein eigener Wille gibt dem Willen Gottes Raum. ... Ich soll in der Liebe Gottes leben und sie für andere spürbar machen. Ich bin ein Saatkorn für das Reich Gottes und für seine Gerechtig¬keit. Das ist der Sinn meines Lebens.

Amen.

Kurzandacht zum 16. August 2020 für Zuhause

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.

Im letzten Buch der Bibel steht die Zusage: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst."
Ein großes Versprechen für alle Durstigen. Aber sind wir überhaupt durstig?
Die Mediziner raten ja immer dazu, dass man viel trinken soll. Jeden Tag mindestens 2 Liter. Am besten Leitungswasser. Das ist in der Grafschaft Bentheim und auch sonst in Deutschland so sauber, so rein, wie es das beste Mineralwasser nicht ist. Einfach aus der Leitung. Echter Luxus. Eins der vielen Privilegien, die wir hier in Deutschland haben: bestes Trinkwasser.
Bewusst erlebt habe ich das, als ich vor vielen Jahren mal in Mexiko war.
Da war es so, wie in den meisten Ländern der Welt: sauberes Trinkwasser muss man kaufen. In Flaschen oder Kanistern.
Wenn man in Mexiko das normale Wasser aus der Leitung trinkt, wenn man sich damit auch nur die Zähne putzt, kriegt man Durchfall, wird man krank. Das hat mein Freund, mit dem ich damals die Reise gemacht habe, am eigenen Leib erfahren.
„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst." Auch wenn bei uns in diesen Tagen das Wasser selbst in Deutschland teilweise knapp wird, sind wir trotzdem noch nicht wirklich durstig.
Viele Menschen hier bei uns spüren ihren Durst sogar überhaupt nicht. Die muss man daran erinnern, wie lebenswichtig es für sie ist, zu trinken. Jeden Tag wieder. Besonders bei älteren Menschen, doch auch bei jungen gibt es dieses Phänomen, dass sie ihren Durst nicht mehr spüren. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Kreislaufprobleme melden sich dann – dabei ist es nur Wassermangel.
Der Satz aus der Johannesoffenbarung erinnert uns aber nicht nur an unseren körperlichen Durst. Sondern auch daran, dass wir in unserer Beziehung zu Gott Durstige sein müssten. Dass wir von dieser Quelle des Lebens trinken müssen, jeden Tag, immer wieder. Dann werden wir leben.
Und trotzdem trinken wir oft nicht von dieser Quelle.
Obwohl wir doch auch spüren, dass wir Durstige sind.
Nach Zuwendung sind wir durstig. Nach Anerkennung, nach Sinn und Glück. Nach einem Gegenüber, das uns wahrnimmt und sieht und Ja zu uns sagt. Wir sind durstig danach gebraucht und geliebt zu werden. Dieser Durst steckt in uns allen. Auch wenn wir ihn gar nicht mehr spüren. Auch wenn wir meinen, wir hätten doch alles. Und so glauben wir manchmal auch, dass wir Gott gar nicht brauchen.

Jesus sagt in der Bergpredigt: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden." Im Grunde ist das ein Aufruf dazu d u r s t i g zu bleiben. Durstig nach einer besseren Welt, in der Gottes Gerechtigkeit sich durchsetzt. In der kein Kind mehr sterben muss, weil die Lebensgrundlagen fehlen.
Die Goldene Regel lautet hier: „Wie Gott mir, so ich dir."
„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst."
Liebe Gemeinde, nach diesem wieder mal trockenen Sommer mit besorgniserregender Dürre drohen den hiesigen Landwirten erneut große Ernteausfälle. Und trotzdem werden wir uns nicht fürchten müssen, dass die Supermärkte oder auch unsere Vorratsschränke leer bleiben. Das ist unverdiente Gnade, für die wir gar nicht genug dankbar sein können.
„Wie Gott mir, so ich dir!"
Was können wir dafür tun, dass andere Menschen in dieser Welt auch an dieser Fülle teilhaben? Wie können wir dafür sorgen, dass unsere Lebensgrundlage, unsere Erde, so schön blau bleibt und nicht vermüllt und verstrahlt, nicht verwüstet und versteppt?
Was können und was müssen wir ändern – an unserer Art zu leben, zu essen und zu konsumieren... - damit auch unsere Mitmenschen und Mitgeschöpfe leben können?
Bleiben wir also D u r s t i g e im Sinne der Seligpreisungen. Setzen wir uns mit den uns zur Verfügung stehen Mittel für Gerechtigkeit ein. Wir werden satt werden. Und nicht nur wir!
Amen.

Kurzandacht zum 9. August 2020 für Zuhause

Katastrophen und die Frage nach Gott

Mehr als 150 Tote und viele viele Verletzte - so lautet eine erste Bilanz nach verheerenden Explosionen im Hafengebiet von Beirut. Bilder der Zerstörung. Bilder von blutenden Menschen. Bilder der Verzweiflung. 300 000 Menschen obdachlos. Für die Menschen vor Ort eine kaum zu fassende Katastrophe. Ein Albtraum. Nur leider kein Traum, sondern Realität.

Immer, wenn eine derart große Katastrophe ausbricht oder wenn wir persönlich eine Katastrophe erleben, fragen wir nach Gott. Fragen wir, wir wo und wie Gott in dieser Katastrophe vorkommt. Gerade die vermeintliche Ungerechtigkeit, das maßlose Leid ist es, was uns nach Gott fragen lässt, ja, ihn selbst hinterfragen lässt.
Gott soll sich doch zeigen als der, der auf der Seite des Lebens steht. Wir Menschen brauchen doch Schutz, Behütung und Bewahrung vor solchen Katastrophen.
Zunächst bleibt festzuhalten, dass solche Katastrophen von Menschen gemacht sind.
Gott ist für derartige Katastrophen nicht zur Verantwortung zu ziehen, sondern Menschen. Aber auch wenn Gott nicht der Urheber der Katastrophe ist, bleibt die Frage, warum Gott die Menschen nicht vor so viel Leid und Zerstörung bewahrt hat. Solche leidvollen Ereignisse wie jetzt in Beirut, verlangen nach einem Trostwort. Aber was soll man sagen? Eigenen Worte wollen mir da immer nicht einfallen und so greife ich auf Worte zurück, die Andere formuliert haben.
Eines dieser Worte ist von Dietrich Bonhoeffer in seinem Gedicht „Christen und Heiden".
In seinem Gedicht hat Dietrich Bonhoeffer angesichts des Leids über das Verhältnis von uns Menschen zu Gott nachgedacht. Bonhoeffer geht dabei vom einem Gott aus, der voller Liebe für den Menschen ist. An diesen Gott wenden sich die Menschen in ihrem Leid und in ihrer Not. In der ersten Strophe heißt es:

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Immer wenn Menschen in wirklicher Not sind, werden sie zu Betenden, ganz gleich welcher Konfession oder auch Religion sie angehören. Sogar wer schon lange nichts mehr glaubt oder auch noch nie geglaubt hat, lernt durch die Not beten. Denn Beten ist nichts anderes als Flehen und Bitten und Hoffen und Bangen und Suchen nach Glück und Bewahrung und Gesundheit und Leben.
Wohin die einzelnen Menschen ihre Bitten richten, mag dahingestellt sein, als Nachfolger Jesu Christi richten wir unsere Bitten an Gott. Nennen ihn „Vater im Himmel!"
Und aus Matthäus 25 wissen wir, dass dieser „unser Vater im Himmel" sich mit den Leidenden in der Welt identifiziert: „Was ihr getan habt einem von diesem meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
Wenn ich aber weiß, dass Gott sich mit den Leidenden, den Menschen in Not identifiziert, dann kann ich mich auch in meiner Not zu ihm wenden und weiß mich und meine Not dort in guten Händen. Kann darauf vertrauen, dass er sich mir zuwendet und meine Not wendet. Vielleicht durch Menschen, die er schickt.

So formuliert Bonhoeffer weiter:

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es:
„Ich glaube an Gott, den Allmächtigen..." Ja, so ist es, aber wenn wir unsere Welt betrachten und mit offenen Augen durch die Welt gehen, sehen wir nicht unbedingt einen allmächtigen Gott, sondern vielmehr für unser Empfinden viel zu häufig einen ohnmächtigen Gott.
Das mag man kaum denken. Bonhoeffer jedenfalls hat es ausgesprochen. Der Gott, an den wir Christinnen und Christen glauben, ist ein ohnmächtiger Gott. Ja, wir wünschen uns einen starken, allmächtigen, uns vor allen Katastrophen und Leid beschützenden Gott, einen Superhelden, aber der christliche Glaube bedient nun mal keine solchen Superheldensehnsüchte.
Der Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat, ist immer wieder ohnmächtig in der Welt. Der braucht Menschen, die bei ihm stehen in seinem Leiden.
Wenn wir also die Bilder und Berichte aus Beirut sehen, nützt alles Fragen nach den Verantwortlichen dieser Katastrophe nichts. Und auch alles Fragen, warum Gott die Menschen vor dieser Katastrophe nicht bewahrt hat, nützt nichts.
Wenn wir ernsthaft nach Gott in dieser Katastrophe fragen, dann können wir ihn in den leidenden Menschen Beiruts erkennen, die unseren Beistand, unsere Hilfe brauchen.
Die Menschen in Beirut erwarten von ihrer Regierung keine Hilfen. Sie helfen einfach einander. Fast demütig wird man, wenn man es aus der Ferne beobachtet.
Bei uns schreien bei kleineren und größeren Katastrophen immer alle nach Hilfen der Regierung und wehe wenn die Regierung die Hilfen nicht zusagt und gibt.
Die Regierung ist für Hilfe zuständig. Wofür zahlen wir schließlich Steuern?
In Beirut helfen einfach die einen den anderen. Balsam für die verwundeten Seelen.
Aus der Ferne können wir aufhören über Gottes ausgebliebene Hilfe zu lamentieren. Wir können vielmehr anfangen Gott zu fragen, wie er uns einbinden kann in dieses Geschehen, so dass die Menschen im Libanon spüren können, dass Bonhoeffer Recht hat, wenn er formuliert:

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot.

Amen.

Kurzandacht zum 02. August 2020 für Zuhause

Hauptsache Gesundheit

„Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht." 3. Johannes 1, 2

„Hauptsache gesund!" Diesen Satz haben wir wahrscheinlich schon einige hundert Male in unserem Leben gehört. Und höchstwahrscheinlich haben wir diesen Satz hier und da auch schon mal selbst gesagt.
Die Gesundheit ist ein hohes Gut und so schließ sich wie selbstverständlich ein ähnlicher Halbsatz den meisten Glückwünschen zum Geburtstag oder anderen Festen an. Da wünschen wir alles Gute, ein wunderschönes neues Lebensjahr, dass sich die eigenen Wünsche erfüllen mögen, Gottes reichen Segen und dann ganz oft „und vor allem Gesundheit!"
Ja, die Gesundheit ist wirklich ein hohes und wertvolles Gut. Sie ist für uns Menschen eine wesentliche Grundlage für eine zufriedene, erfüllende Lebensgestaltung. Das schließt auch den Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung in allen Bereichen ein, um im Falle einer Erkrankung bald und möglichst vollständig gesund werden zu können. „Hauptsache Gesundheit!"
Wie kostbar und zugleich zerbrechlich dieses Gut ist, ist uns nun seit einigen Monaten nochmal besonders deutlich geworden.
Das Coronavirus, das auf der ganzen Welt grassiert und von Tag zu Tag höhere Fall- und Todeszahlen produziert, hat auch uns unsicher gemacht. Selbst wir hier in Deutschland, mit einem im Vergleich zu vielen anderen Ländern dieser Welt gutem und zuverlässigem Gesundheitssystem, haben plötzlich eine Ahnung von dessen Grenzen bekommen. Bilder aus überfüllten Kliniken zunächst aus Italien, Frankreich und Spanien und jetzt mehr und mehr aus den USA, Brasilien oder anderen Orten der Welt flimmern in allen Nachrichtensendungen in unsere Häuser.
Ärzte stehen immer wieder vor der unmöglichen Entscheidung, wen sie noch behandeln können und sollen und wen nicht mehr, weil die Kapazitäten und Kräfte nicht für alle reichen.
Seit Wochen prägen verschiedenste Maßnahmen und Einschränkungen unseren gesamten Alltag. Schulen und Kindertagesstätten wurden geschlossen. Ebenso Restaurants und Frisörläden. Großveranstaltungen wurden abgesagt und bleiben bis auf weiteres verboten. Und unser Landrat warnt, dass die „Corona-Pandemie noch längst nicht überwunden" ist.
„Hauptsache Gesundheit!"
Ja, wir sind uns im Wesentlichen darüber einig, dass unsere Gesundheit ein hohes Gut ist, vielleicht sogar das höchste, das wir haben. Diese Einigkeit hat sicher dazu beigetragen, dass wir in der breiten Masse die Maßnahmen mittragen. Wir haben unser Leben so gut es geht angepasst, halten Abstand und tragen Masken, damit die Krankheitswelle möglichst klein bleibt und alle Corona-Erkrankten die medizinische Behandlung bekommen können, die sie brauchen.
Wie es aussieht, ist uns das bis hierhin ganz gut gelungen.
Doch mehr und mehr schleichen sich auch Zweifel ein, ob die Gesundheit wirklich die Hauptsache ist.
Was ist eigentlich Gesundheit? Die Abwesenheit von Krankheit? Und welche Rolle spielen Lebensqualität und Lebensfreude für die Gesundheit?
Wie steht es um die Gesundheit der Menschen, die um ihre Existenzgrundlage fürchten? Wie steht es in den Familien, in denen es vorher schon zu häuslicher Gewalt kam? Was bedeutet es für das Wohlbefinden der Menschen in Pflegeheimen, dass sie erst keinen Besuch und jetzt nur eingeschränkt Besuch empfangen können?
Die Liste ließe sich fortsetzen. „Hauptsache Gesundheit!", ist nie einfach und eindeutig. Gesundheit ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren, die miteinander in Beziehung gesehen werden müssen und sensibel und verantwortungsvoll abgewogen werden müssen.
In den Evangelien wird an vielen Stellen davon erzählt, wie Jesus Kranke gesund macht. In einer Wundergeschichte fragt Jesus einen Blinden: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?"
Der erste Impuls, den wir beim Lesen dieser Geschichte verspüren, ist, dass das ja nun wohl völlig klar ist. Der Blinde möchte selbstverständlich sehen können.
Aber so klar und so selbstverständlich ist es gar nicht.
Jesus weiß eben nicht, was für diesen Menschen gut und richtig ist. Und so fragt er ihn, worin dieser Mensch selbst sein Problem sieht und welche Hilfe er sich dafür wünscht.
Menschen sind Individuen, die sehr individuell empfinden, auch, was sie krank macht und mit welchen Einschränkungen sie noch gut, oder zumindest zufrieden und versöhnt leben können.
Menschen sind nun einmal nicht über einen Kamm zu scheren und so sind sie auch nicht einfach nur Objekte von Schutz und Fürsorge.
Zuerst sind sie Subjekte, die selbst etwas dazu sagen können, welche Fürsorge sie brauchen.
„Was willst du, dass ich für dich tun soll?"
Liebe Gemeinde, wahrscheinlich werden wir noch viele Wochen und Monate vor der Frage stehen, was jetzt gerade der richtige Weg ist, um für uns selbst und unsere Nächsten zu sorgen. Natürlich werden wir die Vorgaben der jeweiligen Landesregierungen sorgsam beachten müssen, aber wir werden daneben immer wieder fragen müssen, was jetzt für das individuelle Wohlbefinden unserer Nächsten zu tun ist. Gott möchte unser Wohlbefinden.
„Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht."
Amen

 

Kurzandacht zum 26. Juli 2020 für Zuhause

Frage nach Gott

Psalm 42, 4: „Wo ist nun dein Gott?"

Mehr als 600 000 Personen sind bisher nach einer Infektion mit Covid-19 gestorben. Und das sind nur die offiziellen Zahlen.
Wo ist nun dein Gott?
Immer wieder stellen wir Menschen uns diese Frage.
Gott, wo bist du? Wir können dich nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen. Wo bist du? Und natürlich sind schon viele, viele Antworten gegeben worden. Manche davon feinsinnig und tiefschürfend.
Aber in der echten Not nutzen solche feinsinnigen Worte oft wenig. Da wollen wir lieber mit allen Sinnen erleben, statt nur blind zu vertrauen.
Wo ist Gott? - Diese Frage hallt durch die Jahrhunderte der Menschengeschichte. Immer wieder taucht diese Frage auf. An den Grabsteinen der Toten, in den Tränen der Trauernden, in der Verzweiflung der Verdurstenden und Verhungernden dieser Erde, in der Hoffnungslosigkeit der Menschen in Kriegsgebieten, an den Kranken- und Sterbe betten... ¬Wo ist Gott?
Mancher, den diese Frage umtreibt, findet den Weg in die Kirche oder besser gesagt in ein Kirchengebäude.
Ist Gott im Kirchengebäude zu finden?
Schon den klugen König Salomo beschleichen Zweifel, ja er weiß eigentlich ganz genau: „Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen — wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?"
Die Menschen im babylonischen Exil haben wahrscheinlich in diesen Worten Trost gefunden. Denn mit der Zerstörung des Tempels ist Gott eben nicht abwesend, son¬dern Gott ist größer, größer als alles, was der Mensch je bauen kann oder sich vorzustellen vermag: „der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen."
Vom Tempel blieb nur eine Mauer stehen. Die sogenannte Klagemauer.
Die Steine dieser Kla¬gemauer haben es wohl unzählige Male gehört, die leise oder auch laute Frage: „Wo bist du, Gott?"
Aber, ob nun der Tempel in Jerusalem, ob nun Synagogen oder auch Kirchen, diese Gebäude sind keine Herberge für Gott, sondern für den Menschen.
Ja, der Mensch braucht solche Orte der Stille und der Unterbre¬chung.
Dort kann er die Frage „Wo ist Gott?" immer und immer wieder neu stellen: Wo bist DU, HERR, mein Gott?
Und damit wird die Frage zum Gebet! Und der Fragende wird zum Betenden.
Und im Gebet wird die Frage nach dem Ort der Gegenwart Gottes überwunden. Sie wird überwunden durch die geglaubte, erhoffte und erfah¬rene Gegenwart Gottes.
So heißt es am Ende von Psalm 42: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist."

Der Mensch wird immer wieder fragen: „Wo ist Gott?" Aber schon in der geringfügigen Abwandlung dieser Frage in: „Wo bist DU, HERR, mein Gott?" ist die Frage überwunden und die Antwort gegeben. Und so kann ich singend weiterbeten:
Von Gott will ich nicht lassen,
denn er läßt nicht von mir,
führt mich durch alle Straßen,
da ich sonst irrte sehr.
Er reicht mir seine Hand;
den Abend und den Morgen
tut er mich wohl versorgen,
wo ich auch sei im Land.

Auf ihn will ich vertrauen
in meiner schweren Zeit;
es kann mich nicht gereuen,
er wendet alles Leid.
Ihm sei es heimgestellt;
mein Leib, mein Seel, mein Leben
sei Gott dem Herrn ergeben;
er schaff's, wie's ihm gefällt!

Amen

 

Kurzandacht zum 19. Juli 2020

Das Leben als Geschenk wahrnehmen

EG 316 Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

1. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören.
Kommet zuhauf,
Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!
2. Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?
3. Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.
In wieviel Not
hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!
4. Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran,
was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.
5. Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen.
Lob ihn mit allen, die seine Verheißung bekamen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiß es ja nicht.
Lob ihn in Ewigkeit. Amen.

Manches sagt man immer und immer wieder. Manches davon ist wahrscheinlich ohne große Bedeutung. Einfach so dahingesagt. Manches aber, was man immer wieder sagt, ist weder einfach so dahingesagt, noch ohne Bedeutung.
„Das Leben ist ein Geschenk!"
Diesen Satz sage ich immer wieder, und ich meine es auch so, und ich sage diesen Satz jedes Mal sehr bewusst.
Ich meine damit, dass mir einfach sehr bewusst ist, wie dankbar ich für mein Leben sein kann. Ich bin dankbar für die Menschen, die mich in meinem Leben in guter Weise begleitet haben. Ich bin dankbar für ausreichend Nahrung, für das Dach über dem Kopf mit vielen, vielen Quadratmetern, für die ausreichende finanzielle Versorgung (und wenn ich ehrlich bin, ist sie viel mehr als nur ausreichend). Ich bin dankbar für meine Gesundheit, auch wenn es hier und da schon mal bröckelt. Ich bin dankbar für meinen Arbeitsplatz, für zahlreiche Begegnungen. Nichts davon ist mein Verdienst. Es sind alles Geschenke Gottes.
»Lobe den Herrn, meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.«
Es ist nicht selbstverständlich, dass ich an einem Ort dieser Erde aufgewachsen bin und lebe, an dem ich die ganze Zeit über im Frieden leben durfte. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich vor 10 Jahren meine Frau kennengelernt habe, die ich immer noch von Herzen liebe. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mich mit meinen heranwachsenden Kindern ganz gut verstehe und diese ihren Lebensweg bisher ganz gut gehen. Ja, ich lobe den Herren, der sichtbar mein Leben gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. Ich denke daran, was der Allmächtige kann, der mir mit Liebe begegnet.
Wenn ich mein Leben betrachte, dann kann ich einfach gar nicht anders als aus Dankbarkeit leben. Und aus der Dankbarkeit leben heißt, das Leben als Geschenk nehmen, es jeden Tag wie ein Geschenk nehmen.
Gewiss, Geschenke können auch eine Herausforderung sein. Die Gesundheit, die Gott mir verliehen hat, ist immer auch zerbrechlich. Der Partner, den mir Gott schenkt und zur Seite stellt, hat immer auch seinen eigenen Kopf, den er ebenso durchsetzen will wie ich. Die Kinder, die ich habe, gehen eventuell mal ganz andere Wege, als ich es für richtig halte.
Aber die Herausforderungen des Lebens bedeuten für mich noch längst nicht, dass ich weniger Grund zur Dankbarkeit hätte. Das Leben bleibt ein Geschenk. Und ich freue mich über diese Geschenk des Lebens. So wie die Dichterin Mascha Kaléko es formuliert:
Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.
Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, daß ich . . . Daß ich mich freu.
Amen

 

Kurzandacht zum 12. Juli 2020

Unser tägliches Brot gib uns heute!

Liebe Gemeinde!
Wir müssen zugeben, dass das tägliche Brot bei uns selbstverständlich ist. Und zwar in allen Variation. Die tägliche Pizza, das tägliche Schnitzel, das tägliche Müsli, der tägliche Döner, das tägliche frische Obst, die Limonade, der Joghurt. Man könnte hier geradezu unendlich weiter aufzählen.
Zu Jesu Zeiten hingegen war die Brotfrage wohl eine der wichtigsten Fragen im alltäglichen Überlebenskampf und ist es ja für viele Menschen auf der Welt bis heute geblieben. Jeder achte Erdenbürger geht abends hungrig schlafen und in jeder Stunde sterben über 300 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Für all diese Menschen ist die Frage nach Brot, nach wenigstens einer Mahlzeit am Tag, die wichtigste Frage des Lebens.
Für uns hier in Mitteleuropa stellt sich diese Frage so nicht. Da gibt es eher viele Wünsche und Bedürfnisse, von denen wir meinen, dass sie zum Leben gehören, dass wir sie brauchten, ja, vielleicht sogar einen Anspruch darauf hätten. Ich wundere mich z.B. immer wieder darüber, wie selbstverständlich das Smartphone heute zum täglichen Lebensbedarf dazugehört. Die Bedürfnisse und Ansprüche ans Leben und an das, was Menschen meinen, dass sie so unbedingt zum Leben brauchen, sind ja doch sehr verschieden.
„Gib uns das, was wir heute zum Leben notwendig brauchen." Das umschließt das Leben in all seinen Bezügen und Beziehungsfeldern. Da kann einer genug zu essen haben, ist aber arm an Beziehungen, arm an Liebe und Zuwendung, arm an Gespräch, dann fehlt diesem Menschen vielleicht nicht das Brot oder die Kartoffel aber doch Entscheidendes zum Leben.
Und wenn wir auf andere Regionen unserer Erde schauen, dann müssen wir uns angesichts des Leids und der ungelösten Probleme unzähliger Men¬schen eingestehen, dass diesen noch viel wesentlichere Dinge fehlen als uns. Die unzähligen Flüchtlinge brauchen dringend eine „Bleibe", wo sie sein können, wo sie leben können, wo ihre täglichen Grundbedürfnisse gedeckt werden. In den Krisengebieten, in Afghanistan, in Syrien, in Somalia, im Jemen und und und brauchen die Menschen nichts so dringend, wie Frieden, eine Einigung zwischen den Machthabern, sodass Leben neu aufgebaut werden kann.
In Brasilien, in den USA, in China ... brauchen die Menschen zur Zeit dringend menschenfreundliche und verantwortungsbewusste Politiker an oberster Stelle.
Die Bitte um das tägliche Brot, ist die Bitte um Grundbedürfnisse zum Leben.
Der Heidelberger Katechismus formuliert in Frage 125:
Was bedeutet die vierte Bitte: „Unser tägliches Brot gibt uns heute"?
Damit beten wir:
Versorge uns mit allem,
was für Leib und Leben nötig ist.
Lehre uns dadurch erkennen,
dass du allein der Ursprung alles Guten bist
und dass ohne deinen Segen
unsere Sorgen und unsere Arbeit
wie auch deine Gaben uns nichts nützen.
Lass uns deshalb unser Vertrauen
von allen Geschöpfen abwenden
und es allein auf dich setzen.
Gerade der letzte Satz erinnert uns daran, dass wir uns darin täuschen, wenn wir meinen: Wir hätten alles im Griff und wären die alleinigen Macher unseres Lebens. Der Schein trügt! Und für diese Erkenntnis brauchten wir nicht erst die Corona-Pandemie.
Ist denn etwa die Gesundheit unser Verdienst? Ja, wir können dies oder das für unsere Gesundheit tun, aber jede kleine und erst recht jede große Krankheit lehrt uns etwas anderes. Oder sind die stabilen politischen Verhältnisse, die uns den Wohlstand hier in Deutschland und Europa ermöglichen, unser Verdienst? Ein Blick in die Vereinigten Staaten von Amerika genügt. Wie schnell kann alles ins Wanken, in Gefahr geraten! Und wie sieht es mit der Schöpfung aus, die trotz gewaltiger und inzwischen irrsinniger Eingriffe durch uns Menschen immer noch für genug Nahrung für alle sorgt? Haben wir das verdient? Eher nicht. Genau daran erinnert uns die Bitte um das tägliche Brot.
Wir sind nicht diejenigen, die alles fest im Griff haben. So vieles, was unser Leben lebenswert macht, ist nicht unser Verdienst. Wir sind und bleiben auf Gottes Segen angewiesen.
Wir leben aus Gottes Gnade.
Ich kann es nicht immer glauben, aber ich will es glauben, dass Gott mich mit allem versorgt, was ich zum Leben nötig habe.
Ich will glauben, dass Gott besser noch als ich weiß, was mir zum Leben nötig ist. Ich will glauben, dass Gott mir zugetan ist und näher noch als ich mir selber bin.
Ich will es so glauben, wie Lothar Zenetti es formuliert:

Ich berge mich bei dir.
Und wenn ich dich nicht seh,
Du schaust mich immer an.
Du bist mir zugetan.
Dein Segen geht mit mir.
Es schirmt mich deine Hand.
Ich atme ein und aus.
Von dir kommt meine Kraft.
Ich spür dich tief in mir.
Vielleicht, verborgner Gott
bist du mir näher noch,
als ich mir selber bin.

Amen.

 

 

 

Kurzandacht zum 05. Juli 2020

Der HERR ist mein Hirte - Gott sorgt für dich

Wir wussten es immer schon: Letztlich haben wir das Leben nicht im Griff. Wir sind abhängig von so vielen Dingen um uns herum. Wir sind abhängig von der Zeit in der wir geboren werden und in der wir leben dürfen. Wir sind abhängig von dem Ort, an dem wir geboren werden und an dem wir leben, Wir sind abhängig von der Familie, in der wir aufgewachsen sind. Wir sind abhängig von den Bildungsvoraussetzungen, die wir „genossen" haben. Wir sind abhängig von der wirtschaftlichen Lage, nicht nur in unserem Land, sondern in der ganzen Welt. Abhängig von den Folgen der Corona-Pandemie. Und so könnte man das immer weiter führen.
Wir wissen das, wie abhängig wir sind, aber wir tun immer wieder so, als hätten wir das Leben im Griff. Wir wollen das Leben jedenfalls gern im Griff haben. Das gibt uns das Gefühl, auf der sicheren Seite zu sein. Und dann sagen wir Sätze wie „Selbst ist der Mann." „Selbst ist die Frau." „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott."
Wir wollen gern stark sein. Schwäche ist kein so angenehmes Gefühl.
Ja stimmt. Und trotzdem wissen wir darum, dass wir nicht alles im Griff haben.
Wir sind und bleiben immer abhängige und bedürftige Menschlein.
Das zeigt sich schon zu Beginn des Lebens. Mich erstaunt es immer wieder, in Tierfilmen zu sehen, wie schnell manche Tierbabys, gerade erst geboren, schon auf eigenen Füßen bzw. Pfoten stehen. Im Vergleich dazu ist der Mensch gerade am Anfang ein höchst bedürftiges Wesen. Da braucht es auffallend viel Pflege und Fürsorge und Schutz und Anleitung. Über viele Jahre.
Lange muss ein Baby getragen werden, bis es ein Kleinkind wird und anfängt, auf den eigenen Beinen zu stehen. Lange muss das Kind gefüttert werden, bis es sich selbst etwas in den Mund schieben kann. Und lange muss es alle möglichen grundlegenden Fähigkeiten erlernen: wie man z.B. mit Menschen umgeht, oder wie man sich Herausforderungen stellt, oder wie man schwierige Situationen meistern kann.
Irgendwann kommt dann das Gefühl auf, alles ganz gut selbst zu können, nun wirklich auf eigenen Beinen zu stehen und das Leben mit all seinen Herausforderungen meistern zu können.
Und trotzdem bleibt da auch der (heimliche) Wunsch nach Versorgung, nach Schutz, Pflege, Geborgenheit und Gehaltenwerden, auch wenn wir Erwachsene sind.
Der Psalm 23 nimmt diesen urmenschlichen Wunsch auf. Da ist einer an unserer Seite, der uns begleitet, auch auf den äußerst mühsamen Wegstrecken unseres Lebens. Einer, der uns immer wieder Kraft gibt, damit wir unseren Weg weiter gehen können. Einer, der uns gerade dann stützend zur Seite steht, wenn es unsicher unter unseren Füßen wird. Einer, der uns in Schutz nimmt, wenn wir völlig schutzlos geworden sind. Einer, der nicht davonläuft, wenn es bedrohlich wird. Einer, der uns begleitet, wenn wir die schwerwiegende Diagnose zu hören bekommen und in den OP oder in die Therapie gehen. Einer, der mit uns weint, wenn wir trauern. Einer, der uns einfach hält und alles tut, damit wir uns am Leben erfreuen.
Liebe Gemeinde, wir, die wir das Bild des Hirten in unserer Lebenswirklichkeit nicht mehr wirklich vor Augen haben, neigen manchmal dazu, das Bild des Hirten zu romantisieren. Aber der Psalm 23 malt uns kein Heile-Welt-Bild vor Augen. Vielmehr ist es so, dass dieses Bild vom Hirten durch und durch vom Wissen getragen ist, dass das menschliche Leben nie ohne Entbehrung, ohne Schmerz und ohne Störung ist.
Leben ist nun mal oft mühsam. Leben ist immer wieder bedroht. Leben kennt Zeiten, in denen verschiedenste Umstände das ganze Leben verdunkelt. Das ist so. Davor kann man nicht weglaufen. Da gibt es auch keinen Rettungsschirm, der das Mühsame, das Bedrohliche und das Dunkle einfach wieder ungeschehen macht. Es bleibt dabei.
Und in diesem Mühsamem und Bedrohlichem und Dunklem bleibt es auch dabei, dass Gott für uns sorgt.
Schaut euch um. Seht z.B. die Vögel unter dem Himmel an und die Blumen auf dem Felde ... und begreift: Leben ist immer ein Geschenk. Geboren werden, ernährt werden, wachsen, all das habt ihr nicht in der Hand – und doch geschieht es. Es geschieht, weil Gott dich liebt, und weil Gott möchte, dass du lebst. Darum....sorge dich nicht um dein Leben.... Denn dein himmlischer Vater weiß, was du brauchst. Und ER wird dir geben – vielleicht nicht immer, was du möchtest, aber ganz sicher das, was du benötigst, im Leben und im Sterben.
AMEN

 

Kurzandacht für Zuhause zum 28. Juni 2020

Liebe deinen Nächsten - er ist wie du – ein Mensch.

Liebe Gemeinde,
Corona ist noch längst nicht vorbei. Meine Schwester erzählte mir, dass eine Freundin (diese arbeitet für das mittlerweile berühmt gewordene Tübinger Pharmaunternehmen) ihr unlängst gesagt habe, einen Impfstoff gebe es frühestens in zwei Jahren und dieser sei wahrscheinlich eher ungenügend.
Also mindestens zwei Jahre noch Beschränkungen im täglichen Miteinander. Hier und da immer wieder Lockerungen und dann wohl auch wieder strengere Maßnahmen, weil es zu erneuten Ausbrüchen kommt. So, wie in diesen Tagen in den Landkreisen Warendorf und Gütersloh geschehen.
Unser Bundesland Niedersachsen hat aktuell ein vorübergehendes Beherbergungsverbot für Touristen aus diesen Landkreisen ausgesprochen. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet kritisierte die touristischen Beschränkungen für Menschen aus den betroffenen Kreisen. Es gehe nicht, "dass man die Menschen aus dem Kreis Gütersloh öffentlich stigmatisiert", sagte er. Und es ist tatsächlich passiert das Menschen aus diesen Landkreisen öffentlich beschimpft und Fahrzeuge mit Kennzeichen aus Warendorf und Gütersloh zerkratzt wurden.
Gott sei Dank sind dies nur Einzelfälle und natürlich ist dies ein vorübergehendes Phänomen, aber es macht doch deutlich, wie leicht es geschehen kann, dass ein Mensch einen anderen Menschen abwertet.
Fulbert Steffensky schreibt: „Man kann sagen: Frauen sind viel zu emo¬tional, sie sind nicht wie wir Männer, darum taugen sie nicht für Führungspositionen, und wir können sie schlech¬ter bezahlen. Man kann sagen: Italiener sind nicht fleißig wie wir, Polen nicht ordentlich wie wir, Katholiken nicht redlich wie wir Protestanten, Protestanten nicht Kirche wie wir Katholiken. Dies alles sind gefährliche Vorformen der Kränkung, der Benachteiligung oder der Vernichtung. Kein Hass und keine Feindschaft kommen aus ohne Legitima¬tion. Wenn man sagt: sie sind nicht wie wir, dann sagt man damit auch: Man kann ihnen antun, was uns nicht angetan werden soll."
In der Bibel gibt es im Alten und im Neuen Testament das allseits bekannte Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". Vor über 2500 Jahren ist dies Gebot aufgeschrieben worden, existiert hat es sicher schon wesentlich früher.
Ganz offenkundig ist es also schon immer so, dass wir Menschen uns das immer wieder in Erinnerung rufen müssen, wie wir einander begegnen sollen, so dass wir gut miteinander leben können.
„Liebe deinen Nächsten - er ist wie du", so hat der jüdische Philosoph Martin Buber das Gebot übersetzt.
Jeder Mensch auf dieser unserer Welt ist wie ich – manchmal bedürftig, manchmal vor Kraft strotzend, manchmal unsicher und dann wieder total selbstbewusst, wechselhaft; mal stark, mal schwach, mal mutig, mal ängstlich; auf jeden Fall darauf angewiesen, dass ich ihn mit freundlichen Augen ansehe, dass ich ihm vielleicht sogar helfe, ihn als wertvollen Menschen anerkenne.
Liebe deinen Nächsten, er ist wie du. Das heißt: Begegne dem anderen so wie du es selbst möchtest und brauchst, dass man dir begegnet. Aufmerksam, vorurteilsfrei, respektvoll. Er ist wie du: ein Mensch!
Selbstredend ist der andere Mensch auch anders. Er ist in einer anderen Familie aufgewachsen. Sie hat eine andere Nationalität. Er hat eine andere Hautfarbe. Sie hat einen anderen religiösen oder kulturellen Hintergrund. Er ist stärker oder schwächer. Sie ist kleiner oder größer. Er hat ganz andere politische Ansichten. Sie hat andere Lebenseinstellungen. Er ist ganz anders. Sie ist ganz anders. Aber er ist wie du und sie ist wie du. Er ist ein Mensch. Sie ist ein Mensch. Ein Mensch, der gern fröhlich ist und aus vollem Herzen lacht. Ein Mensch, der manchmal traurig ist und bittere Tränen weint. Ein Mensch, der wie du selbst manchmal Zahnschmerzen hat. Ein Mensch, der wie du verliebt sein kann mit ganz vielen Schmetterlingen im Bauch.
Lass ihn also leben. Hilf ihm sogar leben. Richte ihn auf, wenn er am Boden ist. Hilf ihm sein menschliches Antlitz zu bewahren. Wenn er auf Irrwegen wandelt, suche mit ihm zusammen nach Auswegen. Wenn ihm etwas gelingt, dann freu dich einfach mit. Rede auf Augenhöhe mit ihm und handle auch so.

Liebe deinen Nächsten - er ist wie du – ein Mensch.

 Amen

 

Kurzandacht für Zuhause zum 21. Juni 2020

Klug leben

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Psalm 90, 12

Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt, dass Sie mit einem Menschen gesprochen haben, der ganz offensichtlich nur noch wenige Tage zu leben hat.
In solchen Momenten werde ich nachdenklich, kommen mir Psalmverse in den Sinn wie „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre." oder eben auch „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."
In diesen Tagen hab ich Psalm 90 nochmal in verschiedenen Übersetzungen gelesen.
In der Zürcher Übersetzung klingt der zwölfte Vers so: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns, damit wir ein weises Herz gewinnen."
Diese Übersetzung empfinde ich als noch etwas gelungener, denn damit wird der Blick nicht so sehr aufs Sterben gerichtet, wie auf unsere Lebenszeit hin.
Wie gehen wir um mit unserer Lebenszeit, die beschränkt ist und die uns doch schon deshalb kostbar sein müsste?
Was könnte also die Bitte «Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen» konkret bedeuten? Was könnte bei uns geschehen, wenn wir wirklich die eigenen Lebenstage als kostbare zu zählende beginnen?
Vielleicht haben Sie auch schon mal das Buch des aus Indien stammenden Chirurgen Atul Gawande gelesen, der in den USA Arzt ist. Sein mit vielen konkreten Fall-Geschichten schön erzähltes Buch trägt den Titel: «Sterblich sein. Was am Ende wirklich zählt».
In diesem Buch wird realistisch und zugleich anteilnehmend berichtet, welche Herausforderung das Altwerden für den Menschen heute, aber auch für Ärzte und Familienangehörige mit sich bringt. Der Autor erzählt davon, wie sein Großvater, ein Bauer in der Nähe von Mumbai in Indien, noch mit über hundert Jahren leben und dann auch sterben konnte. Er lebte hoch respektiert inmitten seiner Familie. Man half ihm, wenn es nötig war und man ließ sich von ihm helfen. Man fragte ihn in geschäftlichen Dingen um Rat, bei Streit oder auch wenn es ums Heiraten ging. Er hatte immer einen Ehrenplatz und nie wäre jemand auf die Idee gekommen, ihn in ein Heim wegzugeben. Gestorben ist er, als er mit 110 Jahren beim Aussteigen aus einem Bus stolperte. Er wollte zu einem Gericht, um etwas zu regeln und niemand hätte ihm das verbieten können und wollen.
Mit der Geschichte von seinem Großvater fragt Atul Gawande die Leser seines Buches, wie wir mit der schwindenden und daher kostbaren Zeit am Schluss unseres Lebens umgehen. Was wollen wir wirklich für uns?
Im Angesicht der Endlichkeit des Lebens, bekommen wir in jedem Fall einen anderen Blick auf das Leben selbst.
„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."
Man könnte vielleicht auch so formulieren: „Lehre uns bedenken, dass unsere Lebenszeit kostbar ist, auf dass wir erfüllt leben."
Was macht das Leben lebenswert? Was macht das Leben reich? Wie bekomme ich ein weises Herz für meine Lebenszeit?
Ganz sicher nicht, indem ich mich um mein sogenanntes „Hab und Gut" sorge oder überhaupt um irgendwelche „Güter". Das alles ist mir längst geschenkt und ich bin damit in wunderbarer Weise versorgt.
Ein reiches Leben führen, ein erfülltes Leben führen, könnte gelingen, indem wir uns für Gottes Willen für unser Leben öffnen.

Jörg Zink hat es so gesagt:
Mein Ausgangspunkt ist, dass ich mir sage:
Es steht einer zu mir. Der bejaht mich, ich kann also zu mir selbst stehen. Ich kann mich annehmen. Ich lege mei¬ne Unsicherheit ab. Ich atme auf und lebe.
Ich bin gehalten. Mir geschieht nur, was Gott will. Ich kann also Mut fassen. Ich brauche mich nicht zu fürchten, und ich kann auch anderen Mut machen zu ihrem Leben. Ich werde heil und ganz sein. Was ich in mir an Rissen und Brüchen kenne, soll geheilt werden. »Steh auf!«, sagt mir Jesus. Ich lasse mir also meine Schuld abnehmen und richte mich auf.
Ich kann meine Last ablegen. Ich kann vertrauen und meinen Weg sorglos und gelassen gehen. Ich lasse los, was mich bindet und zu Boden drücken will. Gott will mich leicht und fröhlich.
Ich bin ein freier Mensch. Niemand steht über mir außer Gott. Ich kann für meine Überzeugung gegen jeden Trend und gegen jede Macht stehen. Wenn meine Situation es erfordert, bin ich bereit, meine Freiheit abzugeben, ohne mich zu wehren.
Ich habe Augen und will sie offen halten. Ich will also in meinem Kopf für Klarheit sorgen. Ich kann unterschei¬den, was wichtig und was unwichtig ist. Ich nehme die Zeichen der Zeit und meines Lebensweges wahr.
In mir ist Frieden, denn in mir ist Christus. Mein eigener Wille gibt dem Willen Gottes Raum. Ich übe mich darin, Frieden zu stiften.
Ich bin nicht allein. Ich bin zuhause bei Gott und bei den Menschen. Am Tisch ist ein Platz frei. Das Haus ist offen. Ich stelle mich zu denen, die mit mir zusammen das Haus dieser Erde bewohnen, zu ihrem Leid und ihrer Einsam¬keit.
Mir ist ein Auftrag gegeben: Ich soll in der Liebe Gottes leben und sie für andere spürbar machen. Ich bin ein Saatkorn für das Reich Gottes und für seine Gerechtig¬keit. Das ist der Sinn meines Lebens.

Amen

 

 Kurzandacht für Zuhause zum 14. Juni 2020

 

Und es jammerte ihn.

Im Neuen Testament, in den Evangelien wird an vielen Stellen erzählt, wie es Jesus jammerte. Als ein vom Aussatz entstellter Mensch auf Jesus zukam und ihn um Hilfe bat, da jammerte es ihn, da fuhr ihm das Leid des Kranken geradezu in den Leib. Als er die Blinden vor Jericho sah, als ihm vor der Stadt Nain ein Trauerzug entgegenkam die weinende, untröstliche Mutter des Toten an der Spitze des Zuges - jedes Mal heißt es: „Als er das sah, jammerte es ihn." Als Jesus in Galiläa die vielen Menschen sah, jeden auf das Seine bedacht, heißt es: „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben." Und in der Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt Jesus, wie Priester und Levit an dem Halbtotgeschlagenen vorübergehen, und dann kommt ein Samariter; als er den Elenden da liegen sah mit seinen Wunden, „da jammerte es ihn", und er ging hin und kümmerte sich gründlich um ihn.
Auch uns jammert es. Das tut weh und wir empfinden Mitleid, wenn wir Menschen im Elend sehen. Die Bilder aus den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln – Kinder, denen alle kindliche Fröhlichkeit verloren gegangen zu sein scheint, allein, ohne Eltern. Wenn wir Bilder von ausgemergelten Menschen, die kurz davor sind zu verhungern (5 Millionen Menschen sind in diesem Jahr bereits verhungert), dann jammern diese Menschen uns.
Aber es jammert uns nur kurz. Wir können diese ganze große Not, die wir in Bildern zu Gesicht bekommen, nicht wirklich an uns heranlassen, weil wir sonst daran zugrunde gehen würden. Wie sollen wir das Leid dieser Welt auf unseren schwachen Schultern tragen? Es ist schon viel, wenn uns der Kummer der Menschen, die wir kennen, nicht unberührt lässt.
Jesus jedenfalls, so wird erzählt, sah all diese Menschen, denen es nicht gut ging, die an Leib und Seele Kranken. Und er sah sogar die Menschen, von denen andere meinen, dass man sie besser gar nicht ansieht und wenn überhaupt, dann vielleicht eher abschätzend oder gar verächtlich.
Jesus sah sie alle an. Den einen wie die andere. Leidende Menschen, von Gesundheit, vom Glück abgetrennte Mensch, Menschen mit ihrem Kummer, mit ihrer verworrenen Lebensgeschichte. Es schmerzte, es jammerte ihn ihr Anblick.
Für mich bedeutet das, dass Gott jeden einzelnen Menschen von uns im Blick hat. Und wenn wir uns zur Zeit, im Juni des Jahres 2020, unseres Lebens freuen, es uns gut geht und wir sogar noch so leben, wie Gott es sich für uns gedacht hat, dann freut er sich wohl einfach nur, uns so zu sehen.
Wenn wir aber leiden, wenn uns das Leben schwer ist, weil wir vielleicht um unseren Sohn zittern, dass er mit den Folgen seines schweren Unfalls hoffentlich in der Zukunft zurechtkommen möge, weil wir vielleicht den Vater beweinen, der viel zu früh gestorben ist und mit dem man noch so viel zu besprechen hätte, oder weil uns anderes schwer auf der Seele liegt, dann sieht Gott uns auch und es jammert ihn.
Das heißt unser Schmerz ist sein Schmerz und er will diesen Schmerz bei uns heilen.
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
Jedem einzelnen Menschen gilt diese Zusage: "Ich will euch erquicken."
Dieses „erquicken" versteht heute kaum jemand mehr. Im Griechischen steht die Vokabel "anapausis". Eine wirkliche Pause möchte Gott uns schenken, "Ruhe für unsere Seelen".
Bei Gott können wir also aufatmen, das Leben neu einatmen und neuen Mut fürs Leben schöpfen. Hier können wir Abstand gewinnen von all dem, was unser Leben manchmal so klein hält. In seine Arme können wir uns flüchten. Ihm dürfen wir unsere Schuld aufladen. Bei ihm können wir Atem holen.

Lothar Zenetti hat es so gesagt:

Stille lass mich finden, Gott, bei Dir.
Atemholen will ich, ausruhen hier.
Voller Unrast ist das Herz in mir,
bis es Frieden findet, Gott, bei Dir.

Lassen will ich Hast und Eile,
die mein Tagewerk bestimmen,
die mich ständig weitertreiben.
Innehalten will ich, rasten.

Will vergessen, was die Augen,
was die Sinne überflutet,
diese Gier: das muss ich sehen.
Ruhen sollen meine Augen.

Lassen will ich alles Laute,
das Gerede und Getöne,
das Geschrei und das Gelärme.
Schliessen will ich Mund und Ohren.

Will vergessen meine Sorgen,
was ist heut und was wird morgen?
Ich bin ja bei Dir geborgen.
Du wirst allzeit für mich sorgen.

Amen

 

 Kurzandacht zum 07. Juni 2020

Gott kennt auch dich und hat dich lieb!

Jesaja 40,26-31
Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde,
vor einer Woche konnten wir in den Nachrichten verfolgen, wie zum ersten Mal seit neun Jahren wieder Astronauten von US-amerikanischem Boden aus ins All gestartet sind. Die Falcon-9-Rakete des Unternehmens SpaceX hob vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida ab. Nasa-Chef Jim Bridenstine sprach von einem „wundervollen Tag". US-Präsident Donald Trump feierte den Start als „heldenhafte Tat". Die kommerzielle Raumfahrt sei die Zukunft. „Ein neues Zeitalter amerikanischen Ehrgeizes hat jetzt begonnen."
Mal abgesehen davon, wie man zu solchen Expeditionen in den Weltraum steht, geschweige denn zur kommerziellen Raumfahrt, bleibt es doch so, dass für den Menschen das Weltall mit seinen unendlichen Weiten und den hinreißenden Bildern, die wir heutzutage davon haben, eine große Faszination ausgeht.
So war es auch schon zur Zeit der Vorderen.
Auch da haben die Menschen in den Himmel geblickt - mit viel weniger Luft- und Lichtverschmutzung - und waren fasziniert.
„Hebt eure Augen auf und seht!", sagt Jesaja.
Lasst eure Blicke nicht mehr nur auf dem Boden haften wie Menschen, die eine schwere Last auf ihrem Rücken zu tragen haben, sondern blickt auf. Seht doch den unermesslichen Weltraum mit seinen Milliarden von Sternen, die jeden Abend neu am Himmel stehen und kein Stern ist ungezählt.

„Weißt du, wie viel Sternlein stehen
An dem blauen Himmelszelt
Weißt du, wie viel Wolken gehen
Weit hinüber alle Welt
Gott der Herr hat sie gezählet,
Dass ihm auch nicht eines fehlet
An der ganzen großen Zahl
An der ganzen großen Zahl"

So heißt es in dem Lied. Und, wenn das bei den Sternen schon so ist, wie viel mehr bist dann du Mensch in Gottes Hand? Und zwar mit allem, was zu dir gehört: Mit deinem ganzen Leben, mit deinem Lachen und deinem Weinen, mit deinen glücklichsten Stunden und deinen größten Sorgen, mit deiner Gesundheit und mit deiner Krankheit, mit deiner schier unbändigen Kraft und mit deiner Erschöpfung.
Leider ist das oft nicht allzu offensichtlich. Oft ist es überhaupt nicht zu sehen. „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht am Herrn vorüber!", klagen die Menschen nicht nur zur Zeit des Jesaja.
Wenn wir in diesen Tagen die Berichte von den Unruhen aus den USA sehen, sehen wir Menschen, die auf die Straße gehen mit dem Slogan „Black Lives Matter", „Schwarze Leben zählen". Allein die Tatsache, dass dieser Slogan im 21. Jahrhundert entstanden ist, um gegen die willkürliche Gewalt und Tötung Schwarzer durch Gesetzeshüter in den USA zu protestieren, ist ein unglaublicher Skandal. Und anstatt sich auf die Seite des Protestes gegen Rassismus zu stellen, droht der Präsident damit, das Militär einzusetzen.
Wie soll ein Mensch da nicht zu dem Schluss kommen, dass das eigene Recht hier mit Füßen getreten wird. Und wie soll es da nicht so sein, dass die Menschen auch irgendwann müde und matt werden, weil keine Veränderung kommt?
Das sind auch die Beobachtungen, die Jesaja macht. Und trotzdem sagt er: „Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden."
Immer wieder sind Menschen matt und müde geworden aufgrund der Ungerechtigkeiten dieser Welt. Doch immer wieder haben Menschen auch neue Kraft bekommen, sind gelaufen und nicht matt oder müde geworden.
Gott sei Dank, bekommen Menschen immer wieder diese Kraft.
Martin Luther King war einer dieser Menschen, der in seiner berühmten Rede von einem Traum von einer gerechten Welt, einer menschlichen Welt gesprochen hat.
„Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.
Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.
Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden."
Martin Luther King ist ermordet worden. Der Traum von dieser gerechten Welt, dieser Welt, wie Gott es sich für uns vorstellt, lebt weiter. Friede und Gerechtigkeit sollen sich küssen.
„Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden." Wir hören nicht auf unsern Blick gen Himmel zu richten und Gott immer und immer wieder damit in den Ohren zu liegen.
Jedes Menschenleben zählt. Ganz gleich welcher Hautfarbe. Ganz gleich auf welchem Kontinent der Mensch lebt. Ganz gleich in welchem politischen System der Mensch lebt. Ganz gleich ob jung oder alt, schwach oder kräftig, gesund oder krank. Jedes Menschenleben zählt bei Gott und so muss es auch bei uns sein.
Die dritte Strophe des Kindesliedes geht so:
Weißt du, wie viel Kinder frühe
Stehen aus ihrem Bettlein auf,
Dass sie ohne Sorg und Mühe
Fröhlich sind im Tageslauf
Gott im Himmel hat an allen
Seine Lust sein Wohlgefallen
Kennt auch dich und hat dich lieb
Kennt auch dich und hat dich lieb.
Amen

 

Kurzandacht für Zuhause – Pfingsten 2020

Der Turmbau zu Babel

1. Mose 11, 1-5
Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

Liebe Gemeinde!
Die Erzählung vom Turmbau zu Babel ist einer der Predigttexte, der für Pfingstgottesdienste vorgeschlagen wird. Einerlei Zunge und Sprache haben die Menschen in dieser Erzählung. Jeder versteht jeden. Die Menschen haben alle Möglichkeiten. Und was machen die Menschen mit dieser göttlichen Gabe?
Sie streben nach Höherem. Wollen sich einen Namen machen und ganz weit nach oben. Über sich hinauswachsen.
Liebe Gemeinde, das ist für mich im Wahrnehmen dieser Erzählung die Frage an uns: Was machen wir mit unsern göttlichen Gaben? Mit den Gaben, die Gott uns geschenkt hat. Wohin wollen wir? Wohin streben wir? Brauchen wir das auch, dass wir immer höher und schneller und weiter und mehr wollen?
Oder ist es so, dass wir gerade in diesen Tagen merken, wieviel uns eigentlich schon geschenkt ist. Wir müssen doch gar nicht höher hinaus oder weiter springen oder schneller werden. Wir müssen auch nicht mehr haben wollen als wir ohnehin schon haben.
In dieser Woche bin ich über einen Text von Kurt Tuchoslky gestolpert. Der schreibt:
Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn
aber abends zum Kino hast du´s auch nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer, - nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut erzogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve
(und eine fürs Wochenende, zur Reserve) -,
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.
lm Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad — alles lenkste
natürlich selber — das wär ja gelacht!
und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche - erstes Essen -
Alte Weine aus schönem Pokal -
Und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
..
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
Das ist selten. (Kurt Tucholsky)

Liebe Gemeinde,
weil Tucholsky hier so hochgradig übertreibt, wurde mir nochmal vor Augen geführt, dass ich das alles gar nicht brauche. Einiges hätte ich wohl gerne. Das Haus im Grünen zum Beispiel oder hier und da einen leckeren alten Wein. Ich hätte es wohl gerne, aber ich brauche es nicht.
Am Ende schreibt Tucholsky: „Dass einer alles hat, das ist selten."
Ich hab vielleicht nicht alles, aber ich habe ganz viel. In manchen Dingen viel mehr, als ich brauche. Ich habe so vieles, was mir geschenkt ist, dass ich überhaupt keine Veranlassung habe darüber hinaus zu streben.
Wir Reformierten halten ja nicht so viel von Martin Luther wie die Lutheraner, aber manches hat er doch (in seiner Zeit) ganz gut ausgedrückt. So schreibt er in der Erklärung des ersten Glaubensartikels:
„Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, ..."
Genauso ist es. Mit allem, was not tut, für Leib und Leben, bin ich reichlich und täglich versorgt. Mehr brauche ich nicht. Dass diese Einsicht aus derzeitigen Krise erwächst, wünsche ich uns Menschen. Diesen Geist möge Gott uns in unsern Sinn schreiben. Dass wir bei all dem, was gerade noch nicht geht (z.B. auf Hochwildjagd gehen), merken, wieviel uns immer noch geschenkt ist und wie gut es uns geht und dass wir vieles jetzt und auch nach Corona getrost sein lassen können. Gott möge dazu „herniederfahren", um nach uns zu sehen und unsere Füße wieder auf festen Boden zu stellen.
Amen

 

Kurzandacht für Zuhause - 24. Mai 2020

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen!
Psalm 24, 1

Liebe Gemeinde,
was wäre nur, wenn wir das wirklich glauben würden: Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen?
Das würde ja bedeuten: des HERRN ist der Boden, auf dem wir stehen und den wir bebauen und bewahren dürfen, die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken. Des HERRN sind alle Kontinente, alle Ozeane, alle Länder, Israel wie auch Palästina, die Türkei wie auch Syrien, die USA wie auch China, Russland wie auch die Ukraine, Südkorea wie auch Nordkorea. Des HERRN ist die Stadt Neuenhaus mit ihren Straßen, ihren Häusern, den Schulen und Kindergärten, den Handwerksbetrieben und Geschäften und mit ihren Kirchen. Des HERRN sind die Menschen, denen wir da begegnen: die, die wir gar nicht kennen, die, die wir kennen und auch die, die wir – unseres Erachtens - zu gut ken¬nen.
Jeder von uns ist des HERRN, wenn wir wach sind und wenn wir schlafen, wenn wir arbeiten und wenn wir einfach nur genießen, bei jedem Atemzug, den wir tun.

Was wäre wohl, wenn wir das wirklich glaubten, wenn wir das Tag für Tag in unserm Kopf und unseren Herzen hätten? Wir wurden mit den Dingen und den Menschen und uns selbst viel sorgfältiger, aber auch mit mehr Gelassenheit umgehen. Wir wurden vieles nicht tun, was wir zur Zeit tun, und vieles tun, was wir zur Zeit nicht tun.
Es gäbe wohl viel weniger Un¬recht, dafür umso mehr Gerechtigkeit.
Es sähe anders aus auf dieser Erde.
Es sähe anders aus in uns.
Und es sähe um uns herum anders aus.
Aber wir glauben es offenbar nicht wirklich und verlieren unser bisschen Glauben daran immer wieder aus dem Sinn.
Unser Leben hat offensichtlich andere Herren als den, von dem wir glauben, dass er diese unsere Erde gemacht hat. Der Mensch möchte sein Leben nämlich ganz gern selbst in die Hand nehmen und zwar in allen Bereichen; in großen und kleinen, wichtigen oder ganz gleichgültigen Dingen.
Dabei gibt es jede Menge HERREN, also Mächte, die uns fest im Griff haben und das oft genug, ohne dass wir es überhaupt merken.
Die Maßstäbe, die die Politik und Gesellschaft und Industrie aufstellen und für allgemein gültig erklärt werden, an die wir uns zu halten haben, weil wir uns sonst verlieren.
Und die Moden von gestern und von heute und auch von mor¬gen; Moden von denen wir meinen, wir hätten sie im Griff, die aber in Wirklichkeit uns ganz gut im Griff haben.
Ängste vor dem, was kommen könnte. Ängste vor Fremden, die zu uns flüchten, Ängste vor Über-Fremdung, also Ängste vor dem Fremden überhaupt.
Aktuell die Ängste vor einem winzigen Virus, dass doch so mächtig ist, dass die ganze Welt den Atem anzuhalten scheint.
Es gibt viele Mächte, viele HERREN, die uns im Griff haben.
Aber mögen diese alle noch so mächtig sein und uns sogar ganz und gar beherrschen, und auch wenn wir ihnen total verfallen sind und aus diesen Mächten nicht heraus können oder auch heraus wollen, es gilt trotzdem, was der Beter von Psalm 24 bezeugt:
Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen!
Aber.
Ach gäbe es kein „Aber", aber es gibt dieses Aber.
Aber, gilt das denn wirklich?
Aber, ist das nicht doch bloß einer von den schönen Sätzen aus der Bibel?
Ist das vielleicht auch nur eine Anschauung der Welt, die sich nun mal nicht wirklich verifizieren lässt?
Manches Mal können wir geradezu mit Händen greifen, dass dieses Vertrauen, was wir haben, nämlich, dass Gott der HERR dieser Welt ist, diese Erde und alles was darauf lebt also in seinen Händen liegen und damit auch alle Lebewesen behütet und gut versorgt sind, dass dieses Vertrauen grundlos zu sein scheint.
Ja, es gibt dieses „Aber" und wir können diesen Zweifel nie ganz ausräumen.
Doch die Frage ist, wie groß wir dieses „Aber" für uns werden lassen wollen.
Es ist die Frage, welcher Macht bzw. welchem Herrn ich mein Leben überlassen möchte. Auf welchen Boden ich mein Leben gründe. Und ich für meinen Teil möchte mich nicht irgendwelchen Moden hingeben, auch nicht der Macht des Geldes, oder der Macht derzeitiger Wirtschaftsphilosophien oder auch der Macht einer Angst.
Ich möchte vielmehr so tun, als glaubte ich es wirklich, was da steht:
„Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen."
Das ist sicher nicht so leicht, wie es sich schreibt und doch möchte ich es versuchen.
Vielleicht im Sine von der 8. Lebensregel aus den sogenannten zehn Geboten der Gelassenheit, die Papst Johannes XXIII zugeschrieben werden, die lautet:
„ Nur für heute werde ich fest glauben - selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten - , dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt."
Nur für heute, möchte ich mein Leben auf Psalm 24 Vers 1 gründen und mich von dieser Gewissheit bestimmen lassen.
Und morgen möchte ich mir diesen Satz auch sagen und übermorgen auch und überüberübermorgen auch.
Amen

Andacht zum 17.05.2020 für Zuhause

Liebe Gemeinde!
Am 17.05.2020 feiern wir den sogenannten Sonntag ROGATE. Übersetzt bedeutet dies: Betet.

Wir sollen also mit Gott ins Gespräch kommen. Manchmal fällt uns das leicht und manchmal wissen wir kaum, was wir sagen könnten. Schon die Jünger Jesu haben gefragt, wie man denn Beten soll.
Und nach der Überlieferung von Matthäus und Lukas ist dann das sogenannte Unser-Vater-Gebet entstanden. Dieses Gebet beten wir immer und immer wieder. In jedem Gottesdienst, am ganz normalen Sonntag, bei einer Trauung, bei der Beerdigung und ganz sicher auch hier und da im stillen Kämmerlein.
Ein Gebet, was wir manchmal fast automatisch dahinreden, manchmal aber auch sehr bewusst sprechen.
Es lohnt sich immer wieder neu, dieses Gebet zu durch-denken.
Unser Vater im Himmel – also wir seine Kinder: Söhne und Töchter, Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen, Großväter und Großmütter, Enkel und Enkelinnen ...; jeder und jede anders, mit eigenen Ansichten und Ideen, mit Fragen und Zweifeln, mit Glauben und Unglauben.
Unser Vater – uns manchmal so nah, dann aber wieder geradezu unnahbar, weit weg. Unser Vater – jeder und jede für sich und doch alle zusammen. Uns allen bist du irgendwie vertraut - und so vertrauen wir uns dir an.
Geheiligt werde dein Name! Aber: Wer bist du denn eigentlich, Gott? Wie soll ich dich ansprechen? „Ich werde sein, der ich sein werde" hast du zu Mose gesagt. Merk-würdig ist dein Name. Du machst dich uns bekannt, aber einfach machst du es uns damit nicht. Nicht auszusprechen ist dein Name. Doch mit deinem Namen zeigst du dich uns, offenbarst dich, lädst uns ein, dich anzusprechen.
Geheiligt werde dein Name. Nicht mein Name, dein Name!
Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Wie oft haben wir das erbeten. Wie oft haben wir darum gebeten, dass dein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit, der Güte und Gnade und der Liebe auf dieser Erde und in unserer Mitte zur Wirklichkeit wird.
Wir wollen es sehen, fühlen, erleben. Doch unsere Wirklichkeit sieht oft anders aus. Und so fragen wir uns verzweifelt: Dein Reich: Wo ist es? Wann kommt es? Wie erreichen wir es?
Kriege, Hass und Streit im Kleinen wie im Großen machen das Leben für viele Menschen unerträglich. Kinder, Frauen und Männer, Alte und Junge leiden am Leben. Dein Reich komme, Gott, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Wie schön wäre das, Gott, wenn alle Menschen das tun würden, was du willst. Und gleichzeitig weiß ich, dass dein Wille nicht unbedingt mein Wille ist. Und so ringe ich mit dir. Und doch bitte ich dich: Dein Reich komme, Gott, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Liebe Gemeinde, schon allein, wenn man einmal versucht die ersten Worte des Unser-Vater-Gebets zu durchdenken, merkt man unwillkürlich, wieviel in diesen wenigen Worten steckt. Wieviel Kraft und Macht sie haben.
Und im Grunde merkt man auch, dass man über das Beten gar nicht so viel nachdenken, philosophieren und diskutieren sollte. Man sollte es tun.
Tun Sie es einfach. Laut oder leise. Gott lobend oder anklagend. Stammeln oder singend. Beten Sie!
Und Sie werden merken, dass es so ist, wie Mechthild von Magdeburg sagt:
Das Gebet hat große Macht,
das ein Mensch verrichtet mit seiner ganzen Kraft.
Es macht ein bitteres Herz süß,
ein trauriges Herz froh,
ein armes Herz reich,
ein törichtes Herz weise,
ein zaghaftes Herz kühn,
ein schwaches Herz stark,
ein blindes Herz sehend,
eine kalte Seele brennend.
Es zieht den großen Gott in ein kleines Herz,
es treibt die hungrige Seele hinauf zu dem Gott der Fülle.

Amen

Gottesdienst für den Sonntag KANTATE – 10.Mai 2020

Psalm 98, 1: Singet dem HEERN ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Vor kurzem hatte ich eine Beerdigung. Eine Beerdigung unter Corona-Bedingungen. Maximal 10 Angehörige unter freiem Himmel. Die Verstorbene hätte es sich ganz gewiss anders gewünscht. Und es wären unter „normalen Umständen" bestimmt auch sehr viele Menschen gekommen, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Doch dieser Wunsch der Verstorbenen, dass möglichst alle Familienmitglieder, alle Freunde, Nachbarn und weitere Weggefährten an der Beerdigung teilnehmen können, konnte jetzt nicht erfüllt werden. Aber sie hatte auch noch weitere Wünsche für ihre Trauerfeier. Sie wünschte sich, dass bei ihrer Trauerfeier die Titelmusik von „Drei Nüsse für Aschenbrödel" gespielt wird und dieser Wunsch wurde ihr erfüllt.
Als mir zwei ihrer Kinder beim Trauergespräch diesen Wunsch mitteilten, konnte ich mir ein innerliches (und wohl auch äußerlich sichtbares) breites Grinsen nicht verkneifen.
In der Familie meiner Frau ist dieser Film jedes Jahr zu Weihnachten Thema. Ob man den Film in der Adventszeit schon gesehen habe oder ob es denn in den nächsten Tagen noch einen bekannten Sendetermin gäbe. Und dann fangen meine Frau und ihre Schwestern jedes Mal an laut und voller Hingabe an, die Titelmelodie zu summen.
Mit dieser Titelmelodie verbinden sie schöne, gemütliche, freudige und anheimelnde Tage ihrer Kindheit und Jugend in der Advents- und Weihnachtszeit. Und das jährlich wiederholte Schauen des Films „Drei Nüsse für Aschenbrödel" und das Summen, fast Singen der Titelmelodie versetzt sie geradezu in diese Zeit zurück. Und das ist dann der Moment, in dem alles gerade wunderbar ist. In diesem Moment gibt es nichts Schweres und nichts Dunkles. Da ist nur Leichtigkeit und Wohlbefinden.
Ich selbst verdreh dann meist äußerlich die Augen, freu mich aber insgeheim an ihrer Freude.
Als mir nun also beim Trauergespräch die Kinder den Musikwunsch ihrer Mutter mitteilten, konnte ich mir das innerliche und äußerlich breite Grinsen nicht verkneifen, weil ich selbst mit dieser Titelmusik einen schönen Gedanken verbinde, nämlich den Gedanken an meine Frau und diesem Moment der Freude.

Ich denke, liebe Gemeinde, dass Sie das nachvollziehen können. Jeder von uns verbindet mit bestimmten Melodien oder Liedern auch bestimmte Ereignisse und auch Gefühle.
Ich selbst gerate zum Beispiel regelmäßig ins Schwärmen, wenn ich im Auto Lieder von Supertramp, Phil Collins, Queen oder auch Peter Gabriel höre, dreh das Radio ganz laut und singe auch lauthals mit, sicher nicht schön aber mit Inbrunst. Und da ist dann für einen Moment Leichtigkeit und das, was gerade schwer ist, ist in dem Moment aufgehoben.
Es sind aber nicht nur Lieder oder Melodien aus der Kindheit und Jugend, die mir einen wunderbaren Moment schenken. Es sind z.B. mindestens einmal im Jahr auch die Konzerte bzw. Abendmusiken in unserer Kirche, in denen ich mich ganz fallen lassen kann in diese wunderschöne Musik.
Sonntag KANTATE. Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Singet dem HERRN. Auch in Corona-Zeiten. Auch in Zeiten, wo wir auf Abstand bleiben müssen, wo wir nur in unserem Kämmerlein Gottesdienst (miteinander) feiern können.
Singen ist ja nicht nur ein Sich-Fallen-Lassen in eine andere Zeit, in einen Moment des Sich-Wohlfühlens, sondern es ist ja immer auch – jedenfalls im Gottesdienst – ein Sich-Fallen-Lassen in eine andere Wirklichkeit, als die zur Zeit erlebte Wirklichkeit. Es ist ein Sich-Fallen-Lassen in Gottes Wirklichkeit.
In der Bibel erzählen Menschen vollmundig von Gottes neuer Wirklichkeit indem sie z.B. vom neuen Jerusalem sprechen.
So heißt es in der Offenbarung: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen. Und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein."
Und schon Jesaja schreibt: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; spricht der HERR."
Vollmundige Worte. Und genauso vollmundig singen auch wir, dass es da neben der erfahrenen Wirklichkeit immer auch noch die andere Wirklichkeit gibt: die Wirklichkeit Gottes. Und singend tun wir so, als glaubten wir es tatsächlich.
Es ist doch so: Vieles, was wir singen, würden wir so nicht sagen können. Doch das Singen, die Töne helfen uns über manche Frage an die Texte hinweg. Sie über-spielen sie, ohne sie zu über-tünchen.
Eines, der für mich gelungensten Beispiele dafür, ist das Lied 382 in unserem Gesangbuch.

1. Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

2. Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

3. Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und laß mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

Großartig. Da darf ich klagen, darf fragen, darf nicht-verstehen, darf zweifeln und trotzdem glauben, trotzdem vertrauen. Da kann ich singen und im Singen mit Gott ringen. Im Singen dieses Liedes kann ich über die Ungerechtigkeiten die mir widerfahren toben und zur gleichen Zeit leise hoffend Gott loben.
Liebe Gemeinde,
in der Vorbereitung dieses Gottesdienstes zum Sonntag KANTATE bin ich auf eine berührende Erzählung von Luise Schottroff gestoßen, die einmal eine sehr persönliche Erfahrung geteilt hat, wie Klänge und Töne ihr in schwersten Nöten geradezu zum Lebenselixier geworden sind.
Sie schreibt: „Auch das verletzte Leben ist Leben voller Gesang. Ich habe ein Glück kennengelernt, das mich zum Singen gebracht hat – mitten in Erfahrungen der Nähe des Todes. Krankenhaus, Narkosen und Operationen, Schmerzen und Angst waren meine Welt geworden. Noch in den Narkoseträumen traf mich die Diagnose Krebs. Ich hatte Krebs vorher gefürchtet – wie wir alle. Ich hatte – wie wir alle – gedacht: Mich wird es schon nicht treffen. Nun hatte es mich getroffen. Dann kam die Genesungszeit. Frühjahr. Ein wunderbar sonniger März und April ... Ich hatte auf einmal ganz andere Augen. Die talmudischen Weisen haben gesagt: Lobt Gott mit allen Gliedern. Sie haben zweihundertachtundvierzig Glieder gezählt. Ich weiß jetzt, was sie meinen. Meine Augen sehen die Schönheit der Welt, wie Gott sie geschaffen hat. (...) Unsere jüdischen Geschwister haben gesagt: ‚Wenn ihr in Not kommt, dann sprecht nicht: Wir wollen einen Krieg fechten, sondern der Herr wird für euch streiten und ihr sollt singen.' Unsere Aufgabe ist es, zu singen, Gott zu loben und zu segnen ... ‚Wenn ihr in Not kommt, sollt ihr singen.'"
Singen ist Elixier für das Leben. Nahrung für die Seele. Wohlgemerkt: Singen ist gleichzeitig auch Ringen. Singen ist Hoffen. Und Singen ist mehr als Hoffen. Im Singen holen wir das himmlische Jerusalem vom Himmel herab. Oder besser noch: Im Singen lässt Gott uns das himmlische Jerusalem mitten in unserer Wirklichkeit zur Wirklichkeit werden, schenkt Gott uns ein Fenster zum Himmel. Singen lässt uns geradezu den Himmel atmen.
Atmen Sie!
Singet dem HERRN ein neues Lied. ER tut Wunder.

Amen

Lied: Psalm 98

1. Singt, singt dem HERREN neue Lieder!
Er ist's allein, der Wunder tut.
Seht, seine Rechte sieget wieder,
sein heilger Arm gibt Kraft und Mut.
Wo sind nun alle unsre Leiden?
Der HERR schafft Ruh und Sicherheit,
er selber offenbart den Heiden
sein Recht und seine Herrlichkeit.

2. Der HERR gedenkt an sein Erbarmen,
und seine Wahrheit stehet fest.
Er trägt sein Volk auf seinen Armen
und hilft, wenn alles uns verläßt.
Bald schaut der ganze Kreis der Erde,
wie unsers Gottes Huld erfreut.
Gott will, daß sie ein Eden werde,
rühm, Erde, Gottes Herrlichkeit!

3. Frohlocket, jauchzet, rühmet alle,
erhebet ihn mit Lobgesang!
Sein Lob tön im Posaunenschalle,
in Psalter- und in Harfenklang!
Auf, alle Völker, jauchzt zusammen!
Gott macht's, daß jeder jauchzen kann.
Sein Ruhm, sein Lob muß euch entflammen.
Kommt, betet euren König an!

Gebet

Lieder wollen wir dir singen, unser Gott,
auch in dieser Zeit, wo wir nicht miteinander in einem Raum singen dürfen.
Und doch singen wir dir
und ringen wir mit dir.
Sagen dir unser Gebet,
was uns bewegt.

So bitten wir für all die Menschen, die krank sind
oder im Sterben liegen. Und für die Menschen,
die anderen dienen in Therapie und Pflege.

So bitten wir für all die Menschen, die sich sorgen
um die Seelen der Einsamen, die Verbindungen suchen
und Nähe schaffen, wo Trennung herrscht.

So bitten wir für all die Menschen, die in Sorge sind
um ihren Lebensunterhalt. Und für die Menschen,
die Verantwortung übernehmen für das wirtschaftliche Leben.

Wir sehnen uns nach Unbeschwertheit,
nach herzlichen Begegnungen,
und bitten dich: Komm uns entgegen, du unser Gott!
Lass uns deinen Himmel atmen.

Dir vertrauen wir uns an und beten mit den Worten deines Sohnes:
Unser Vater im Himmel ...
...
Amen

Segen

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR wende dir sein Angesicht von neuem freundlich zu
und gebe dir Frieden.
Amen

Andacht für den 03. Mai 2020

Psalm 8, 4-5

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Liebe Gemeinde!
In einem Interview mit Wolfgang Schäuble zur Krise aufgrund der Corona-Pandemie ist folgendes zu lesen: " „Man wird Schritt für Schritt kleiner", sagt Schäuble. Jeden Tag werde das deutlicher, wie klein der Mensch ist, wie relativ."
Vielleicht, liebe Gemeinde, ist das ja tatsächlich der positive Effekt, den wir aus der Corona-Pandemie gewinnen können, dass der Mensch sich auf seine tatsächliche Größe bzw. Kleinheit rückbesinnt. Eventuell tut es uns ja gut, dass wir Schritt für Schritt kleiner werden und eben nicht Schritt für Schritt größenwahnsinniger. Doch während ich dies schreibe, zweifle ich schon daran, dass es diesen Effekt tatsächlich geben könnte.
In dieser Woche wurde in den Heute-Nachrichten von einer Demonstration der Reiseunternehmen berichtet und einer der Teilnehmer sprach in die Kamera: „Deutschland war Reiseweltmeister und muss es auch bleiben." Dabei freue ich mich gegenwärtig an den Bildern, die zeigen, wieviel weniger Flugzeuge gerade über dem Luftraum Deutschland zu beobachten sind und es sind mir persönlich eigentlich immer noch viel zu viele Flugzeuge, die aktuell in der Luft sind.
Es ist nicht mein Interesse, dass Deutschland Reiseweltmeister bleibt. Aber das Interesse der Tourismusbranche ist es natürlich schon. Da hängen ja auch viele Tausende Arbeitsplätze dran, vom Piloten bis zur Raumpflegekraft. Und damit geht es eben auch jeweils um die eigene Existenz, um das Einkommen und Auskommen. Selbstverständlich weiß ich, dass ich gut reden habe, solange es nicht mein eigenes Portemonnaie trifft.
Und trotzdem hoffe ich, dass etwas zurückbleibt von der Erfahrung, wie klein der Mensch doch eigentlich ist und dass wir auch nach Corona nicht wieder größenwahnsinnig zu werden brauchen.
Ich wünsche mir, dass wir zu dem schlichten Glaubensbekenntnis kommen: „Ich bin klein. Du bist groß, mein Gott. Wunderbar!"
Dieses schlichte und in seiner Schlichtheit so schöne Glaubensbekenntnis habe ich bei Peter Spangenberg gefunden. Etwas ausführlicher schreibt er:
Ich aber möchte zu den Staunenden gehören, denn die Staunenden gehören zu den Dankbaren und die Dankbaren entdecken Gott in der Beziehung. Das ist das Geheimnis des Glaubens: Gott in der Beziehung. Gott für mich, Gott mit mir, Gott für uns, Gott im Leben oder wie Bonhoeffer schrieb: „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Es ist wahrlich keine Schande für den Menschen zu sagen: Mein Gott!
Du bist so groß, so weit, so umfassend, so All-mächtig, so universal,
so allraumend, so alllebend, so begründend, so ganz Initiative, du Designer der Welt,
du Mustergeber des Lebens, du Architekt des Alls, du Spurenleger der Welten!
Ich fühle mich wohl mit deiner Unfasslichkeit.
Ich bin klein. Du bist groß!
Dass ich dich duzen darf?! Wunderbar!
Liebe Gemeinde, bei allem, was jetzt schwierig ist, was uns jetzt auch Angst macht, möchte ich diese Erkenntnis für meinen persönlichen und vielleicht ja sogar für unseren gesellschaftlichen Alltag bewahren: „Ich bin klein. Du bist groß, mein Gott! Wunderbar!"
Ich will mich einfach ganz fallen lassen in die Worte von Psalm 8: Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Ich muss jetzt doch gar nicht voller Angst und Missmut auf meine Gegenwart oder auf meine Zukunft schauen. Ich kann doch einfach darauf vertrauen, dass das stimmt, was da steht, dass das tatsächlich auch für mich stimmt und für meine Mitmenschen. Ich brauche nicht alles selbst in die Hand zu nehmen. Gott hält mich in seiner Hand. Da darf ich ganz ruhig werden. Gott nimmt sich meiner Sorgen an. Gott ist doch auch in diesen Tagen für mich. Gott ist auch in diesen Tagen mit mir. Gott ist auch in diesen Tagen für uns.
Merken Sie das denn nicht auch, liebe Gemeinde?
Das Schöne, das Wundervolle, die Lichtblicke, die kleinen (und großen) Freuden sind doch immer noch da.
In der Wochenzeitung „Die Zeit" gibt es die wunderbare Rubrik „Was mein Leben reicher macht". Da teilen die Leser kleine wohltuende Alltagsbegebenheiten.
Zwei Beispiele aus der Ausgabe vom 16. April:
Was mein Leben reicher macht:
Nachdem ich den verstaubten Heimtrainer die Kellertreppe hochgewuchtet habe, von der Frau, mit der ich seit 43 Jahren verheiratet bin, zu hören: „Wenn schon Corona-Quarantäne, dann doch am liebsten mit einem Kerl wie dir."
Gerhard Märtterer, Waiblingen
Was mein Leben reicher macht:
Heute auf meinem täglichen Spaziergang haben mir Unbekannte eine Freudenträne entlockt. Er, schick angezogen, dynamisch die Pedale seines Fahrrads tretend. Sie, mit Kleid und Brautstrauß auf dem Gepäckträger sitzend, die Beine übergeschlagen. Und am Gepäckträger angebunden: eine leere Raviolidose, laut über den Asphalt klappernd.
Nicole Anna Dietzel, Leipzig
Zwei wundervolle Alltagsbegebenheiten von Irgendwo. Bei uns in Neuenhaus wären andere Geschichten zu erzählen, aber ganz gewiss viele Erlebnisse, die unser Leben reich machen.
Schönes. Wundervolles. Lichtblicke. Kleine und große Freuden.
Ich bin klein. Du, mein Gott, bist groß! Du sorgst für mich. Wunderbar!

Amen

Lied Psalm 8

1. HERR, unser Gott, dein Name sei gepriesen!
Wie hast du groß und herrlich dich erwiesen!
Die ganze Welt erzählt von deiner Macht,
des Himmels Glanz verkündet deine Pracht.

2. Aus Kindermund, ja, aus des Säuglings Lallen
läßt du dein Lob vor aller Welt erschallen,
beschämst den Feind, der deine Schöpfung stört
und gegen dich vergeblich sich empört.

3. Seh ich ringsum die Himmel ausgebreitet,
seh Mond und Stern von deiner Hand bereitet:
Was ist der Mensch, daß seiner du gedenkst,
des Menschen Kind, daß du ihm Gnade schenkst?

Gebet

Großer Gott,
unser Vater im Himmel,
Du begleitest unsere Wege,
trägst uns durch die Zeit
füllst deine Erde und uns mit Segen.
Dafür danken wir Dir!

Wir bitten, dass wir nicht größenwahnsinnig werden,
sondern zu denjenigen werden, die wir sind:
Deine hilfsbedürftigen, dir wertvollen und geliebte Kinder.

Wir bitten für die,
die in ihrem Leben nichts finden, an dem sich Hoffnung entzünden kann,
dass Du den Funken schlägst und die Gewissheit schenkst,
dass das Dunkel endlich,
dein Licht und deine Liebe aber ewig sind.

Wir bitten für die Mächtigen,
dass sie ihrer große Verantwortung gewachsen sind.
Schenke ihnen Klugheit und das rechte Maß.

Wir bitten für die,
die in den Stürmen ihres Lebens zu kentern drohen –
lass sie Ruhe finden bei dir!
Und für die Glücklichen bitten wir,
dass sie sich das Gefühl der Dankbarkeit bewahren.

Voll Vertrauen harren wir auf dich und dein Tun
und beten mit den Worten deines Sohnes:
Unser Vater im Himmel ...
...
Amen

Segen:

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR wende dir sein Angesicht von neuem freundlich zu
und gebe dir Frieden.
Amen

ANDACHT für den 26. April 2020

Psalm 33, 5: Die Erde ist voll der Güte des HERRN.

Liebe Gemeinde!

Wir alle kennen den Ausspruch: „Wer's glaubt, wird selig."
Damit sagen wir dann: Zu schön, um wahr zu sein.
Die Erde ist voll der Güte des HERRN. Ist das so? Oder ist das, bei allem, was wir beobachten in dieser Welt, ob nun innerhalb oder außerhalb von Corona-Pandemie-Zeiten, eben zu schön, als dass es der Realität entspräche.
Hat der Schreiber dieses Psalms also keine Augen im Kopf? Doch, er hat.
In Psalm 33 ist auch vom Hunger und vom Tod die Rede und von Menschen, die schlimme Dinge vorhaben, und von selbstverliebten Machthabern, die sich nur auf sich und ihre Macht verlassen. Das können wir heute beobachten und das wurde schon immer beobachtet.
Aber das ist für den Beter nur der negative Hintergrund, um umso mehr die Herrlichkeit Gottes und seine große Güte hervorleuchten zu lassen.
Von den Psalmen können wir so einiges lernen. Das ungeschminkte Klagen, Zornesausbrüche und Hassgefühle zuzulassen aber eben auch, die Schönheit unseres Lebens immer noch zu sehen. Diese Schönheit sogar gegen alles Augenfällige zu sehen.
Und so wird Gott bejubelt, obwohl jeder weiß, dass die Erde voller Kriege und Ungerechtigkeiten ist. Obwohl die Menschen die Erfahrung von Sintfluten und Hungersnöten und todbringenden Krankheiten machen.
Überaus klug hat Fulbert Steffensky formuliert: „Was aber, wenn es keine Sprache mehr gäbe, die aufs Ganze geht? Was, wenn man in seniler Ausgewogenheit nur noch sagte, was man als die durch Erfahrungen belegte Weisheit sagen kann? Was, wenn man nur noch sagen kann, dass die tanzen können, die zwei Beine haben, aber nicht mehr sagt, dass die Lahmen springen werden wie ein Hirsch? Die Bescheidenheit in der Sprache wird bald auch zur Bescheidenheit in der Lebensvision und den Lebenshoffnun¬gen. Das Christentum ist mir nicht nur nahe durch seine Inhalte, sondern auch durch die Unbescheidenheit seiner Versprechungen und seiner Ansprüche. In dieser unverschäm¬ten Sprache sagt es: Die Toten werden leben, die Tyrannen werden gestürzt!"
Die Erde ist voll der Güte des Herrn.
Das ist auch so ein Satz, der weiter denkt, als was wir denken und weiter sieht, als wir sehen können, der einfach etwas feststellt, was wir manchmal verlernt haben zu sehen.
In diesen Tagen hörte ich das Beispiel einer Predigerin, die dazu aufforderte, das Gute im Leben zu sehen.
Als Beispiel nannte sie die Erfahrung, dass sie beim Einkaufen auf dem riesig großen Parkareal nur noch den Parkplatz ergattern konnte, der am weitesten von der Eingangstür entfernt lag. Ihr erster Impuls war, über den weiten Weg, den sie nun vom Auto zum Eingang hatte, innerlich zu stöhnen. Ihr zweiter Gedanke war, wie gut sie es doch eigentlich hat, dass sie ein Auto hat, dass sie einfach nur zum Supermarkt fahren muss, um einzukaufen und alles in Hülle und Fülle kaufen kann.
Ein Gedanke, den man sich manchmal vor Augen führen muss.
Natürlich kann ich darüber stöhnen, dass der Wäscheberg sich bei mir zu Hause immer mehr stapelt, bevor ich ihn endlich wieder wegbügeln kann. Oder ich seh bei diesem Stapel Wäsche, wie gut wir es haben, dass wir uns keine Sorgen darum machen müssen, was wir nur anziehen können. Wir haben die Fülle.
Auch in Corona-Pandemie-Zeiten haben wir die Fülle.
Ja, es gibt Einschränkungen, aber wie gut haben wir es hier bei uns in der Niedergrafschaft. Die allermeisten von uns haben ein Garten, in den wir gehen können, den wir genießen können, wo wir Rasen mähen, Blumen oder Salat pflanzen können und auch mal Unkraut ausreißen dürfen.
Wir können mit dem Fahrrad fahren oder einen Spaziergang machen und frische Luft schnappen. Wir können telefonieren, uns austauschen, einander darin bekräftigen, dass wir diese Krise schon gemeinsam durchstehen.
Die Erde ist voll der Güte des Herrn.
Vieles wäre hier zu nennen, aufzuzählen. Wir müssen eben nur hinaussehen über das Vordergründige. Wir müssen nur mit wachen Augen genau hinsehen, dann entdecken wir es auch: Die Erde ist tatsächlich voll der Güte des HERRN. Mein Leben ist bei allem, was jetzt Einschränkung bedeutet, immer noch voll der Güte des HERRN.
Und so kann ich auch und gerade jetzt einstimmen in den Psalm 33:

1. Jauchzt alle, Gott sei hoch erhoben!
Gerechte, freuet euch des HERRN!
Den Frommen ziemt es, ihn zu loben.
Schön ist es, und er hört es gern.
Gebt dem HERRN die Ehre,
daß es jeder höre,
mit der Harfen Klang!
Eures Psalters Saiten
müssen froh begleiten
euren Lobgesang.

8. Er schützet seiner Diener Leben,
er rettet vor dem nahen Tod,
und er wird Brot in Fülle geben
in Teurung und in Hungersnot.
Drum wird's unsern Seelen
nie am Guten fehlen,
denn sie harren sein.
Er ist Schild und Stärke,
und zu jedem Werke
gibt er uns Gedeihn.

9. Kommt, laßt uns immer auf ihn schauen,
da unser Herz sich seiner freut,
auf seinen heilgen Namen trauen
und ihn erhöhn in Freud und Leid.
Gib, daß uns behüte,
Vater, deine Güte.
Halt dein Vaterherz
immer für uns offen,
wie wir auf dich hoffen,
heilge Freud und Schmerz.

Amen

Gebet:

Guter Gott,
wir suchen in diesen Tagen nach guten Wegen,
sehnen uns danach, den guten Weg zu erkennen.
Du weißt ihn.
Zeig uns den Weg.
Zeig ihn denen, die uns regieren,
die Leitlinien zu unserem Wohl festlegen.
Bring du uns auf den richtigen Weg.
Wir sind gefangen in unserer Sorge.
Du siehst die Ängste der Welt.
Sorge für die Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen -
auf der Flucht, in Lagern, im Krieg.
Sorge für die Menschen, die kein Zuhause haben,
wo sie Schutz finden.
Und sorge auch für die, für die der Schutzraum zur Gefahr wird.
Dir wollen wir vertrauen, hilf unserm Unglauben,
denn du bist bei uns, bei dir wird uns nichts mangeln.
Voll Vertrauen harren wir auf dich und dein Tun
und beten mit den Worten deines Sohnes:
Unser Vater im Himmel ...
...
Amen

SEGEN

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR wende dir sein Angesicht von neuem freundlich zu
und gebe dir Frieden.
Amen

Andacht für den 19. April 2020

Jesaja 40, 26-31

Hebt Eure Augen in die Höhe und seht!
Wer hat dies alles geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen, seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst Du denn, Israel, und Du Jakob sagst: „mein Weg ist Gott verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber? Weißt Du nicht, hast Du es nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wir nicht müde und matt. Sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, Jünglinge straucheln und fallen. Aber die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde!
Der Name des heutigen Sonntags, des ersten Sonntags nach Ostern, ist Quasimodogeniti. Wenn man das ins Deutsche übersetzt, bedeutet das „Wie eben erst Geborene".
Sich „wie neugeboren fühlen" meint, dass wir uns frisch fühlen, frei fühlen, dass wir glücklich sind, dass Lasten abgefallen sind, dass man erlöst, befreit und fröhlich ist.
Die Worte des obigen Predigttextes sind 2400 Jahre alt und sind natürlich, so wie alle biblischen Überlieferungen von Menschen in ihrer Situation geschrieben. Worte, die die Erfahrungen wiedergeben, die Menschen zu ihrer Zeit an ihrem Ort mit Gott gemacht haben.
Und doch passt dieses alte Wort, wie ich finde, sehr gut auch in unsere Zeit, die so sehr durch das Corona-Virus bestimmt ist.
Ursprünglich ist das Wort Jesajas zu den Israeliten gesagt, die vor 2400 Jahren in einer scheinbar aussichtslosen Lage stecken. Sie befinden sich im sogenannten babylonischen Exil. Sie sind also in der Fremde, sind unfrei, nicht selbstbestimmt, sondern fremdbestimmt, müssen sich unterordnen, nach Geboten und Regeln leben, die nicht ihre sind.
Sie haben alles verloren, fühlen sich kraft- und mutlos, lassen den Kopf hängen.
Diesen Menschen ruft der Prophet zu:
Hebt Eure Augen in die Höhe und seht!
Und heute wird dieses Wort uns gesagt, in unserer Zeit, an unserem jeweiligen Ort, die wir uns auch in einem gefühlten Exil befinden seit ein paar Wochen? Abgeschnitten von vielem, das bisher unser Leben ausmachte? Auch wir ordnen uns unter. Und das aus gutem Grund. Indem wir die zurzeit geltenden Regeln und Beschränkungen achten, versuchen wir uns und unsere Nächsten zu schützen.
Wir üben hier keinen Kadavergehorsam, sondern wir beschränken uns zum Wohle aller.
Aber je länger es dauert, umso schwerer wird es uns auch. Es wird jedenfalls nicht wirklich leichter, auch wenn es jetzt ein paar Erleichterungen geben soll und dann nach zwei Wochen eventuell weitere Erleichterungen.
Ich weiß nicht, ob die Israeliten die Worte Jesajas damals für sich als Erleichterung gesehen haben oder vielleicht eher als billigen Trost empfunden haben.
Was wir heute wissen ist, dass für die Israeliten wirklich eine Zeit „danach" kam. Eine Rückkehr aus dem Exil, Erlösung, neues befreites Leben.
Liebe Gemeinde, ich denke, wir können diese alten Worte auch für uns in unseren Tagen gut gebrauchen, um durchzuhalten und auszuhalten und um hoffnungsfroh nach vorne zu schauen.
„Hebe deine Augen auf. Gott ruft dich mit Namen. Du bist nicht vergessen. Gott wird auch in dieser Situation nicht müde und matt, bei dir zu sein. Und er gibt dir die Kraft, die du jetzt brauchst."
Wie neugeboren fühlt sich das vielleicht momentan noch nicht an, aber doch etwas erlöster und etwas befreiter.
Noch brauchen wir Geduld, noch müssen wir warten und harren der Dinge, die da kommen.
Aber vielleicht gelingt es ja jetzt schon, in Vorfreude auf die Zeit nach den Corona-Pandemie-Einschränkungen, wieder aufzuatmen, Kraft zu schöpfen und weiterzulaufen und vielleicht auch schon hoffnungsfroh singen zu können.
So zum Beispiel Worte aus Psalm 126 nach Hans Dieter Hüsch:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.
Was macht, dass ich so fröhlich bin
im meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.
Was macht dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Amen.

Gebet:

In der Aufgeregtheit
der Nachrichten und Sondersendungen
lass uns gelassen bleiben.
Dein Wille geschehe, Gott.

In der Sorge um unsere Gesundheit,
in der Angst vor schwerer Krankheit
lass uns auf dich vertrauen.
Dein Wille geschehe, Gott.

In der Not der Hilflosigkeit,
in der Schwäche unserer Worte und Taten
lass uns bei dir Kraft finden.
Dein Wille geschehe, Gott.

In Zeiten des Zweifels
und in Stunden der Anfechtung
lass uns bei dir Mut schöpfen.
Dein Wille geschehe, Gott.

Du bist unser Gott.
Jeder Mensch von dir gesehen.
Alle Menschen bei dir geborgen.

Voll Vertrauen harren wir auf dich und dein Tun
und beten mit den Worten deines Sohnes:
Unser Vater im Himmel ...
...
AMEN

Lied:
EG 317 Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

1. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Kommet zuhauf,
Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!

2. Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?

3. Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.
In wieviel Not
hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!

4. Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet,
der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran,
was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

5. Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen.
Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiß es ja nicht.
Lobende, schließe mit Amen!

Segen:

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR wende dir sein Angesicht von neuem freundlich zu
und gebe dir Frieden.
AMEN

 

Ostern 2020 – Andacht für Zuhause

Lukas 24, 1-11

Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten. Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht. Und als sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer in glänzenden Kleidern. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war und sprach: Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. Und sie gedachten an seine Worte. Und sie gingen wieder weg vom Grab und verkündigten das alles den Elf und allen andern Jüngern. Es waren aber Maria Magdalena und Johanna und Maria, des Jakobus Mutter, und die andern Frauen mit ihnen; die sagten das den Aposteln. Und es erschienen ihnen diese Worte, als wär's Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.
Glauben Sie es, liebe Gemeinde?
Unter normalen Umständen hätten wir uns auch dieses Jahr wieder zu Ostern in unserer schönen reformierten Kirche eingefunden und hätten miteinander Gottesdienst gefeiert, am Tag der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus.
Und ich hätte, wie immer, den Gottesdienst begonnen mit den Worten:
„Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden."
Aber jetzt mal ganz ehrlich. Glauben wir das auch? Glaube ich das? Glauben Sie das? Und wenn ja, hat das eine Bedeutung für uns? Für unser Leben. Auch und gerade jetzt in diesen Zeiten?
Oder erscheinen uns die Worte auch mehr so, als wäre es einfach nur dahin geschwätzt und glauben es im Herzen nicht?
Er ist nicht hier, er ist auferstanden.
Das ist schlicht und einfach unmöglich.
Wir alle haben wahrscheinlich in diesen Tagen die grausigen Bilder von Massengräbern in den USA gesehen, oder von den Leichen in Ecuador, die irgendwo am Straßenrand liegen, weil es einfach zu viele sind und nicht so viele Tote auf einmal bestattet werden können.
Da ist keine Spur dessen zu sehen, was wir Auferstehung nennen.
Kein Wunder also, dass wir in der Versuchung stehen, die Botschaft von Ostern im Grunde unseres Herzens auch nur für leeres Geschwätz zu halten.
Die Erzählung von der Auferstehung Jesu ist damals wie heute eine phantastische Erzählung.
Eine Erzählung, die man kaum glauben kann, zu vieles steht dagegen.
Ausschwitz steht dagegen.
Die in diesen Tagen zunehmende häusliche Gewalt steht dagegen.
Die Erfahrung, dass Menschen in einen hässlichen Streit geraten, steht dagegen.
Dass viele Millionen Menschen nicht in Frieden leben können, steht dagegen.
Dass Menschen täglich verhungern oder verdursten, steht dagegen.
Die Corona-Pandemie steht dagegen.
Punkt und aus.
Jesus ist tot. Gestorben am Kreuz. Begraben.
Punkt und aus.
Haben die Mächtigen und Machthaber damals gedacht.
Und auch seine Freunde und Freundinnen haben so gedacht.
Und Gott? Gott hatte und hat anderes im Sinn, hat w e i t e r gedacht.
Jesus ins Leben erstehen lassen.
Liebe Gemeinde!
Gott sei Dank haben wir auch immer wieder diese Erfahrungen in unserem Leben. Genau wie die Menschen, von denen die Bibel erzählt, von Anfang an die Erfahrung gemacht haben, das es wohl Abend wird, aber dann ganz gewiss auch wieder Morgen.
Wenn wir von Ostern her auf unser Leben sehen, dann sehen wir über unseren kleinen menschlichen Verstand hinaus.
Wir sehen hinaus über das, was wir jetzt vor Augen haben und was unseren Blick gerade ziemlich einschränkt, sehen hinaus, sehen hindurch.
Man kann auch sagen, wir sehen mit den Augen der biblischen Erzähler.
Wir sehen sehr wohl die Realitäten dieser Welt, im Moment das Corona-Virus, mit all dem Leid, was es mit sich bringt, mit den Konsequenzen für unser Verhalten, dass wir dem Virus möglichst wenig Gelegenheit geben von einem Menschen zum andern zu kommen, dass wir also Abstand halten, auf Versammlungen jedweder Art, sogar auf Gottesdienste verzichten.
Diese Realitäten sehen wir und leben danach. Das ist gut und richtig so.
Aber genauso sehen wir die Realität Gottes, glauben das Wunder der Auferstehung, hoffen auf die unendlichen Möglichkeiten Gottes, neues Leben zu schaffen.
Gottes Wille für den Menschen gestern und für den Menschen heute ist, das wir nicht im Tod bleiben, sondern ins Leben erstehen.
»Er ist nicht hier, er ist auferstanden.«
Die Aussage des Engels am Grab am Ostermorgen über Jesus.
Die Perspektive für uns.
Wir werden nicht in der Grabeshöhle bleiben.
Das Grab wird uns geöffnet.
Wir werden ins Leben geführt!
Glauben Sie es!
Das ist wahr und gewiß!
AMEN

FÜRBITTEN

Gott, wir denken an die Menschen, die nicht im Hellen, sondern im Dunkel wohnen.
Dir befehlen wir sie an:
Die Kranken und die, die in der Angst leben, sich mit dem Virus anzustecken.
Die Einsamen, die in diesen Wochen ihre Gesprächspartner verloren haben.
Die Armen, die kaum mehr Hilfe finden.
Die Flüchtlinge, die unbeachtet von der Welt in Lagern hausen.
Die Opfer von Kriegen, die trotz Corona weitergehen.
Alle Menschen, die leiden, hungern, dürsten, trauern,
legen wir in Dein Erbarmen.
Wende dich allen Menschen zu und lass sie ins Leben erstehen.

Alles Weitere legen wir hinein in die Worte deines Sohnes.
Unser Vater im Himmel ...

Amen.

Lied EG 116
Er ist erstanden, Halleluja

1dt. Er ist erstanden, Halleluja.
Freut euch und singet, Halleluja.
Denn unser Heiland hat triumphiert,
all seine Feind gefangen er führt.
Kehrvers Laßt uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!

2dt. Er war begraben drei Tage lang.
Ihm sei auf ewig Lob, Preis und Dank;
denn die Gewalt des Tods ist zerstört;
selig ist, wer zu Jesus gehört.
Laßt uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!

3dt. Der Engel sagte: »Fürchtet euch nicht!
Ihr suchet Jesus, hier ist er nicht.
Sehet, das Grab ist leer, wo er lag:
er ist erstanden, wie er gesagt.«
Laßt uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!

SEGEN

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR wende dir sein Angesicht von neuem freundlich zu
und gebe dir Frieden.
AMEN

Andacht für den 05. April 2020

Markus 14, 3-9

Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.
Liebe Gemeinde!
Wir kennen alle die berühmten Verse aus dem Buch des Predigers Kohelet, worin uns vor Augen geführt wird, dass geboren werden und sterben seine Zeit hat, lachen hat seine Zeit und weinen auch, Steine sammeln und Steine wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen... alles hat seine Zeit. Und all das, was da genannt wird ist zudem noch sehr unterschiedlich. Sterben etwa ist nicht einfach gleich sterben. Man denke nur an all die Menschen, die in den letzten Jahren versucht haben übers Mittelmeer nach Europa zu fliehen um leben zu können, die dann aber elendig ertrunken sind. Man denke an all die Menschen, insbesondere in Afrika, die nicht genügend zu trinken oder zu essen haben, die also verdursten oder verhungern. Elendiges Sterben. Elendiges Sterben momentan durch die Corona-Pandemie auch in den Krankenhäusern bei uns. In Deutschland, Europa, in der ganzen sonst so sicheren westlichen Welt.
Daneben gibt es das getröstete Sterben, das Einschlafen dürfen in Frieden. So war es etwa kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie bei dem Schwiegervater meiner Schwester. Die letzten zwei Wochen seines Lebens konnte er nur noch liegen. Und in diesen zwei Wochen war er nie allein. Seine Kinder und Schwiegerkinder und vielen Enkelkindern waren abwechselnd immer bei ihm, haben ihm vorgelesen, vorgesungen, erzählt und bei ihm gewacht. Friedlich eingeschlafen ist er, als sein Sohn im eins seiner liebsten Lieder aus dem Gesangbuch vorgesungen hat. Friedliches Sterben, wie manche von uns es sich vielleicht auch wünschen.
Ja, es stimmt, alles hat seine Zeit, aber ebenso hat auch alles seine besonderen Umstände.
Die besonderen Umstände dieser Zeit lassen uns auch manche Dinge entdecken, die wir vorher so nicht gesehen haben. Dies gilt für mich auch für den Predigttext dieses Sonntags. Unter sogenannten „normalen Umständen" hätte ich den ersten Halbsatz wahrscheinlich mehr oder weniger überlesen.
In dieser Zeit spricht er mich besonders an. Jesus ist bei Simon dem Aussätzigen zu Gast, so berichtet es uns Markus. Mal abgesehen davon, dass uns dort eine Szene geschildert wird, die viele von uns in diesen Tagen vermissen, nämlich, dass da verschiedene Menschen in einem Haus zusammenkommen, um miteinander zu essen, zu trinken, sich auszutauschen, vielleicht auch fröhlich zu sein, spricht mich jetzt gerade besonders an, dass alle diese Menschen zu Simon dem Aussätzigen gekommen sind, das heißt zu einem Menschen, der von seiner Krankheit geheilt ist.
Während ich diese Zeilen schreiben, höre ich in den Nachrichten die neuesten Zahlen zur Pandemie. In den USA werden 216.722 Infizierte und 5.137 gemeldet, in Großbritannien sind es 34.116 Infizierte und 2.926 Tote. Aus Spanien wird gemeldet, dass in den letzten 24 Stunden 950 weitere Menschen an dem Virus verstorben sind und bei uns in Deutschland werden 80.641 Infizierte und insgesamt 962 Tote gemeldet. Und Gott sei Dank dann auch noch die Meldung, dass 19.175 Menschen bei uns als genesen gelten.
Lauter steigende Zahlen von Infizierten und Verstorbenen, aber kaum mal die Meldung, dass wieder jemand gesund geworden ist. Dabei sind die Meldungen von gesund gewordenen Menschen momentan doch mindestens genauso wichtig.
In der Erzählung von Markus 14 ist von einer Versammlung im Haus von Simon dem Aussätzigen die Rede. Menschen versammeln sich also in dem Haus eines Menschen, den sie vorher strengstens gemieden haben, um sich nicht anzustecken mit dieser Krankheit.
Liebe Gemeinde, ich weiß sehr wohl, dass dies in dieser Erzählung eigentlich nicht die Hauptsache ist, aber in dieser Zeit, gibt mir die Erwähnung dieser Nebensächlichkeit schlicht und einfach HOFFNUNG.
Ich bekomme die Hoffnung, dass Menschen, die jetzt gerade krank sind, wieder gesund werden und dass wir diese Menschen wieder besuchen werden können, dass wir uns überhaupt wieder treffen können, miteinander essen können, uns austauschen können, miteinander lachen können aber auch miteinander weinen können, uns nahe sein können und dass bei all dem Jesus in unserer Mitte ist. Und ich habe die Hoffnung, dass Jesus schon jetzt bei uns ist, uns begleitet in dieser schwierigen Zeit, uns stärkt, uns segnet mit Durchhaltevermögen, uns, wenn wir krank sein sollten, gesund werden lässt und uns auch im Sterben noch hält.
Außerdem lässt mich die Geschichte von Markus 14 hoffen, dass wir Menschen tatsächlich dazu fähig sind, zur richtigen Zeit auch das Richtige zu tun. Die Frau in der Erzählung salbt Jesus mit kostbarem Nardenöl und damit tut sie zur richtigen Zeit das einzig Richtige, sie salbt Jesu Leib im Voraus zum Begräbnis. In dieser besonderen Zeit tun viele Menschen gerade das Richtige. Sie sorgen füreinander, indem jüngere für ältere Mitmenschen einkaufen, indem Kinder betreut werden, die zur Zeit nicht in die KiTa können, indem täglich Nachrichten mit hoffnungsvollen Gedanken versandt werden, indem einer den anderen anruft und sich nach dem Wohlbefinden erkundigt und noch vieles mehr.
Liebe Gemeinde, ich hoffe, dass wir uns das beibehalten in dieser Krisenzeit aber auch darüber hinaus, dass wir das Richtige zur richtigen Zeit tun, dass wir aufmerksam sind für unsere Mitmenschen und ihre Bedürfnisse, dass wir uns menschlich zeigen. Und ich hoffe, dass wir die Hoffnung nicht verlieren. Ich hoffe, dass uns auch Kleinigkeiten, das, was sonst vielleicht nebensächlich scheint, uns jetzt die Hoffnung gibt, dass Menschen auch zahlreich wieder gesund werden und dass wir nach diesen Tagen wieder miteinander das wundervolle Leben feiern werden.
AMEN

FÜRBITTENGEBET

HERR unser Gott, in diesen Tagen ist kaum etwas so wie gewohnt. Manchmal haben wir den Eindruck, die Welt gerät aus den Fugen. Auch die kleine Welt um uns herum.
Wir bitten dich für die Kinder, die ihre Großeltern vermissen. Und für die Großeltern, denen ihre Enkelkinder fehlen.
Wir bitten dich für diejenigen, die in Quarantäne leben oder sich aus Angst zurückziehen. An alle, die sich einsam fühlen und sich fragen, wie alles werden wird. Die sich nach Frieden sehnen und nach einem guten Wort.
Wir bitten dich für diejenigen, die krank sind. Die in den Krankenhäusern liegen, auf den Intensivstationen. Für ihre Angehörigen, die sich um sie sorgen.
Wir bitten dich für die, die in ihrem Beruf gerade extremen Belastungen ausgesetzt sind. Für die Ärztinnen und Ärzte und alle, die in der Pflege arbeiten.

Wir bitten dich für diejenigen, die finanzielle Sorgen haben, weil ihre Einnahmen wegbrechen. Und für die Entscheidungsträger, die in diesen Tagen so viel Fragen beantworten und schwierige Entscheidungen treffen müssen. Die nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.
Wir bitten dich für diejenigen, die wir jetzt zu vergessen drohen: die Menschen auf der Flucht, die Kinder an der Grenze zwischen der Türkei und der EU, diejenigen, die in Kriegsgebieten ausharren müssen.
Für alle diese Menschen bitten wir dich, dass du sie behütest in ihrer Not, dass du sie stärkst, dass du sie spüren lässt, dass du sie hältst, und dass du für jeden einzelnen schon neues gelingendes fröhliches Leben bereithältst.
Alles Weitere legen wir hinein in die Worte deines Sohnes.
Unser Vater im Himmel ...
AMEN

LIED
EG 440 All Morgen ist ganz frisch und neu

1. All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.

2. O Gott, du schöner Morgenstern,
gib uns, was wir von dir begehrn:
Zünd deine Lichter in uns an,
laß uns an Gnad kein Mangel han.

3. Treib aus, o Licht, all Finsternis,
behüt uns, Herr, vor Ärgernis,
vor Blindheit und vor aller Schand
und reich uns Tag und Nacht dein Hand,

4. zu wandeln als am lichten Tag,
damit, was immer sich zutrag,
wir stehn im Glauben bis ans End
und bleiben von dir ungetrennt.

SEGEN

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR wende dir sein Angesicht von neuem freundlich zu
und gebe dir Frieden.
AMEN

 

Andacht vom 29.3.2020

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Das ist der erste biblische Satz, den die Konfirmanden aus unserer Gemeinde während der Zeit ihres Konfirmandenunterrichts auswendig lernen. Und bei allem, was ich die Konfirmandent auswendig lernen lasse, hab ich die Hoffnung, dass so ein Satz oder eben auch solche Verse ihnen an verschiedenen Punkten ihres Lebens wieder in den Sinn kommen und dass solche Verse und Sätze sie vielleicht sogar trösten oder stärken.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Dieser Satz steht am Ende der sogenannten Sintflut-Geschichte, besser bekannt als die Geschichte von der Arche Noah.
Sie erinnern sich sicher noch an die Nachrichten vom Tsunami am 2. Weihnachtstag 2004. 228.000 Menschen starben, als bis zu 30 Meter hohe Wellen Strände und Städte in Indonesien, Thailand, Indien und Sri Lanka überrollten. Eine Sintflut riss viele Menschen in den Tod und brachte unvorstellbares Leid.

Es ist zwar kein Tsunami aber es ist doch wie eine riesige Sintflutwelle, das Corona-Virus, wissenschaftlich korrekt Sars-CoV-2 oder eben auch Covid-19 genannt, was momentan über unsere Welt hinwegrollt. Kein Tag ohne neue Nachrichten zum Corona-Virus. Dieser Virus und seine gravierenden Folgen fordern auch uns heraus.
Wir können momentan von Glück sagen, dass die Todeszahlen bei uns in Deutschland und auch insbesondere in der Grafschaft Bentheim noch relativ gering sind.

Gleichwohl sehen wir die Bilder aus Italien und Spanien und wissen, wieviel Verantwortung jetzt jeder für den anderen trägt.
„Zuhause bleiben!" So lautet der Aufruf dieser Tage. Das Leben auf Straßen und Plätzen in Gemeindehäusern und Kirchen steht still. Keine Gemeinschaft mehr. Gemeinschaft, die uns doch so wohl tut. Miteinander zu singen im Chor oder im Gottesdienst, miteinander zu essen und zu klönen im Gemeindehaus, miteinander zu spielen, miteinander Gottes Wort hören und mit Gott ins Gespräch kommen. All das fehlt. Und auch die Gemeinschaft außerhalb der Kirchengemeinde fehlt uns.
Nicht umsonst könne wir auf den ersten Seiten der Bibel auch den Satz lesen: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist."

Alleinsein tut den meisten nicht gut. Im Moment ist es notwendig, uns getrennt von anderen aufzuhalten. Notwendig – um die Not zu wenden. „Zuhause bleiben" - damit es uns allen gut gehen kann. Aber auf die Dauer tut es uns nicht gut.

Liebe Gemeinde, es ist eine schwere Zeit, in der wir gerade stehen und die wahrscheinlich auch noch sehr viel länger andauern wird. Aber es wird nicht immer so bleiben. Auch diese Katastrophe ist nicht das Ende. Davon erzählen viele biblische Geschichten. Die Menschen haben zu allen Zeiten unsagbare Katastrophen erlebt, unsagbares Leid, Nöte und Ängste durchlitten, aber nach der Nacht kam doch wieder das Tageslicht, nach der Katastrophe doch wieder neues Leben.
Als Menschen, die hoffen, dass Gott diese Welt und auch uns Menschen in seinen Händen hält, sind wir nicht blind. Wir nehmen sehr wohl war, wie das Corona-Virus unsere Welt geradezu gefangen hält. Wir nehmen sehr wohl das Leid einzelner Menschen oder größerer Gemeinschaften war. Aber das verhindert nicht, dass Gott uns hindurchschauen lässt durch das, was vor unseren Augen steht.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Dieser Satz Gottes am Ende der biblischen Sintflutgeschichte ist weiterhin Gottes bleibende, lebensfreundliche Zusage für seine Welt, für seine Schöpfung, für die Menschen für DICH. Das Leben ist wahrlich ein Geschenk. Eines, das nicht selbstverständlich ist und mit dem wir sorgsam umgehen müssen. In Verantwortung für uns selbst, in Verantwortung für unsere Nächsten.

Unsere Welt mag gerade taumeln, aber Gott hält auch diese taumelnde Welt immer noch in seiner Hand, hält uns und die Menschen, die wir lieb haben, in seiner Hand. Legen wir also unsere Sorgen in die Hände Gottes, der in seinem Herzen spricht: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Amen.

GEBET

In der Aufgeregtheit
der Nachrichten und Sondersendungen
lass uns gelassen bleiben:
Dein Wille geschehe, Gott.
In der Sorge um unsere Gesundheit,
in der Angst vor schwerer Krankheit
lass uns gelassen bleiben:
Dein Wille geschehe, Gott.
In der Not der Hilflosigkeit,
in der Schwäche unserer Worte und Taten
lass uns gelassen bleiben:
Dein Wille geschehe, Gott.
In Zeiten des Zweifels
und in Stunden der Anfechtung
lass uns gelassen bleiben:
Dein Wille geschehe, Gott.
Du bist Gott.
Kein Leben ist vertan.
Kein Mensch ist verloren.
Voll Vertrauen bitten wir dich:
Halte diese Welt,
halte uns
halte die Menschen, die wir lieb haben
in deiner Hand.
Amen.

(Ein Gebet nach Gerhard Engelsberger)

LIED Psalm 121

1. Ich schau nach jenen Bergen gern.
Mein Heil, das ich begehr, kommt's von den Bergen her?
Nein, meine Hilf ist von dem HERRN,
der schuf durch's Wort: Es werde!
den Himmel und die Erde.

2. Er läßt nicht gleiten deinen Fuß,
dein Hüter schlummert nicht, wenn dir's an Kraft gebricht,
er schläft nicht, wenn er helfen muß.
Sieh, Israels Gebieter ist auch dein Gott und Hüter.

3. Dein Helfer selber schützet dich
und steht in deinem Stand an deiner rechten Hand,
beschattet dich so gnädiglich,
daß dich bei Nacht und Tage nicht Frost und Hitze plage.

4. Der Herrscher, der die Welt regiert,
wacht über Leib und Seel, daß dir kein Gutes fehl.
Beim Ausgang und beim Eingang wird
der HERR dich selber leiten bis in die Ewigkeiten.

SEGEN

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.
Der HERR wende dir sein Angesicht von neuem freundlich zu
und gebe dir Frieden.